Am 6. September 2026 könnte Sachsen-Anhalt das erste deutsche Nachkriegsbundesland werden, das von einer Partei regiert wird, die vom Inlandsnachrichtendienst als rechtsextrem eingestuft wird. Die AfD liegt dort in Umfragen bei über 40 Prozent und damit deutlich vor der CDU.
In diesem Bundesland mit 2,1 Millionen Einwohnern, einem der am dünnsten besiedelten in Deutschland, dominiert die Alternative für Deutschland (AfD) die Konkurrenz. Jüngsten Umfragen zufolge kommt sie auf über 40 Prozent der Stimmen, verglichen mit 23 bis 26 Prozent für die CDU, die seit der Wiedervereinigung 1990 die Landesregierung stellt. Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund könnte damit erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte Landeshauptmann werden.
Die Linkspartei liegt in Umfragen bei 13 Prozent, die SPD zwischen 6 und 7 Prozent. Grüne und FDP kämpfen um Sitze im Regionalparlament. Die CDU, deren neuer Ministerpräsident Sven Schulze im Januar 2026 nach fünfzehn Jahren an der Macht die Nachfolge von Reiner Haseloff antrat, regierte zuvor in einer Koalition mit SPD und FDP.
Haseloff selbst sagte dem Magazin Der Spiegel, dass er sich manchmal, wenn er im Magdeburger Plenarsaal säße, so fühlte, als befände er sich „in der Endphase des Reichstags der Weimarer Republik oder später im Sportpalast in Berlin“ – jenem Saal, in dem der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels 1943 seine Rede über den „totalen Krieg“ hielt.
Sachsen-Anhalt kennt den Umgang mit Parteien am politischen Rand nicht fremd. 1998 erreichte die Deutsche Volksunion (DVU), die als rechtsextrem eingestuft wurde, 12,9 % der Stimmen und zog in den Landtag ein, zog sich aber aufgrund interner Spaltungen von den Wahlen 2002 zurück. Bereits 1994 sorgte das Land für Schlagzeilen, als der Sozialdemokrat Reinhard Höppner mit den Grünen eine Minderheitsregierung bildete, die von der PDS, der Nachfolgepartei der ostdeutschen SED, toleriert wurde – eine Zusammenarbeit, die damals als Tabubruch galt.
Experten führen den Durchbruch der AfD auf eine Vielzahl von Frustrationen zurück, die sich seit der Wiedervereinigung aufgestaut haben. Tausende Arbeitsplätze im Bergbau und in der Chemieindustrie sind verloren gegangen. Die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin leicht über dem Bundesdurchschnitt. Sachsen-Anhalt hat die älteste Bevölkerung Deutschlands mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren im Jahr 2024 und ein deutliches demografisches Ungleichgewicht bei jungen Menschen: Rund 120.240 Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren stehen etwa 103.177 Frauen gegenüber. Viele junge Menschen haben das Bundesland verlassen und sind nicht zurückgekehrt.
Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung liegt weiterhin unter dem nationalen Durchschnitt – rund 9 % Ende 2025 im Vergleich zu 15 % auf Bundesebene – hat sich aber laut dem Statistischen Amt des Landes seit 2015 mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung schürt die Feindseligkeit gegenüber Einwanderung, was der AfD direkt zugutekommt.
Der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der Technischen Universität Chemnitz erklärte gegenüber dem Deutschlandfunk, die AfD würde im Falle eines Wahlsiegs in Sachsen-Anhalt die verfassungsmäßige Ordnung umgestalten wollen. Die Prinzipien der liberalen Demokratie und der Rechtsstaat würden systematisch untergraben, argumentierte er. Die Partei beobachte die USA derzeit sehr genau und sehe dort die Politik der Trump-Regierung als Vorbild. Höhne warnte jedoch: „Man kann nicht einfach in einem Bundesland einen Hebel umlegen und erwarten, dass sich alles nach rechtsextremen Vorgaben richtet.“
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