Diese Adresse hat Generationen von Parisern geprägt. In der Avenue Daumesnil 139 im 12. Arrondissement schloss Leroy Merlin am 10. August endgültig seine Pforten. Ein besonders symbolträchtiger Schlusspunkt: Vor der Baumarktabteilung beherbergte das Gebäude auf Tausenden von Quadratmetern Surcouf, einen wahren Pariser Computertempel, der 2012 seine Pforten schloss. Fast 30 Jahre lang machten die beiden Marken diese Adresse nacheinander zu einem der beeindruckendsten Fachgeschäfte der Hauptstadt.
Vor Leroy Merlin war Daumesnil das Königreich von Surcouf.
Um zu verstehen, wofür die Adresse 139 Avenue Daumesnil steht, müssen wir in die frühen 1990er-Jahre zurückgehen. Surcouf wurde 1992 von Olivier Dewavrin und Hervé Collin gegründet. Der erste Laden eröffnete in der Avenue Philippe-Auguste im 11. Arrondissement von Paris und brach mit dem damaligen Konzept der traditionellen Computerläden. Die Idee war, einen riesigen „Messeplatz“ rund um Computer zu schaffen, auf dem Kunden Produkte vergleichen, Geräte ausprobieren, sich beraten lassen und praktisch alles auf dem Markt finden konnten. Der Erfolg stellte sich schnell ein, und der erste Laden wurde bald zu klein. 1995 zog Surcouf in die Avenue Daumesnil um. Diese Adresse sollte unter Computerbegeisterten legendär werden.
6.000 m², drei Etagen und täglich Tausende von Besuchern.
Das Geschäft in Daumesnil ist für einen Computerhändler im Herzen von Paris riesig: rund 6.000 Quadratmeter auf drei Etagen. In seinen besten Zeiten bot Surcouf über 20.000 Produkte und beschäftigte etwa 150 Fachverkäufer. Täglich konnten 10.000 bis 15.000 Besucher das Geschäft bedienen. Anfang der 2000er-Jahre zählte es jährlich rund drei Millionen Besucher – eine Zahl, die damals mit der einiger großer Pariser Museen vergleichbar war. Neben Komplettcomputern gab es auch Prozessoren, Grafikkarten, Motherboards, Festplatten, Arbeitsspeicher, Drucker, Monitore, Software, Peripheriegeräte, Kabel und Komponenten, die man sonst oft nur schwer fand. Zu einer Zeit, als der Kauf oder die Aufrüstung eines Computers häufig genaue Hardwarekenntnisse erforderte, wurde Surcouf selbst zu einer Attraktion.
Der Laden, in dem Sie Ihren Computer zusammenbauen lassen konnten
Daumesnil entwickelte zudem Dienstleistungen, die zu seinem guten Ruf beitrugen. Surcouf bot insbesondere Workshops an, in denen Kunden ihre eigenen Computer bauen und zusammenbauen konnten. Das Geschäft rief außerdem „Doctor Micro“ ins Leben, einen Service zur Diagnose und Reparatur von Geräten, sowie Vorführbereiche, in denen Verkäufer neue Produkte präsentierten. Auch die Ladengestaltung selbst trug zur Markenidentität bei. Surcouf schuf bewusst eine Jahrmarktatmosphäre mit einer Fülle an Produkten und einem unverwechselbaren visuellen Erscheinungsbild. Das Konzept war so erfolgreich, dass das Geschäft in Daumesnil Anfang der 2000er-Jahre als größtes Computergeschäft Europas galt.
Surcouf trug dazu bei, Daumesnil-Montgallet zum Computerbezirk zu machen.
Der Einfluss des Geschäfts reichte weit über seine Mauern hinaus. Seine Gründung trug maßgeblich zur Stärkung der Computerspezialisierung im Viertel Daumesnil-Montgallet bei. Nur wenige hundert Meter entfernt erlangte auch die Rue Montgallet Berühmtheit unter Computerbegeisterten und zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Dichte an kleinen Läden mit Computerkomponenten und Hardware aus. Surcouf und die Händler der Rue Montgallet konkurrierten, insbesondere über den Preis, doch ihre räumliche Nähe machte das Viertel nach und nach zu einem absoluten Muss. Jahrelang bedeutete der Kauf eines Computers in Paris, mit der Metro bis Daumesnil zu fahren, bei Surcouf die Preise zu vergleichen, in Montgallet auszusteigen, von einem Laden zum nächsten zu gehen und dann wieder zur Avenue Daumesnil zurückzukehren. Um diese Kundschaft entwickelte sich eine ganze lokale Wirtschaft.
Daumesnils Erfolg spornte Surcouf zum Wachstum an.
Surcouf war so erfolgreich, dass das Unternehmen schrittweise expandierte. 1998 ging es an die Börse und wurde im Jahr 2000 von der Fnac-Gruppe übernommen. Die Marke, deren Fokus lange auf ihrem Flagship-Store lag, begann nun zu expandieren. Weitere Surcouf-Filialen wurden eröffnet, unter anderem am Boulevard Haussmann in Paris, in Straßburg, Bordeaux-Mérignac und im Einkaufszentrum Belle Épine in Thiais. Allein die Filiale in Daumesnil lockte 2004 noch rund drei Millionen Besucher jährlich an. Doch die Einzelhandelslandschaft begann sich zu verändern.
Das Internet revolutioniert den Computermarkt
Das Geschäftsmodell, das Surcouf so erfolgreich gemacht hat, wird durch Veränderungen in der Branche zunehmend geschwächt. Online-Shopping ermöglicht es Kunden heute, Preise sofort zu vergleichen und Komponenten bequem von zu Hause aus zu bestellen. Gleichzeitig befindet sich der Markt für Consumer-Computer im Wandel. Computer sind leichter erhältlich, große Marken bieten vermehrt sofort einsatzbereite Geräte an, und digitale Produkte sind im Einzelhandel immer häufiger zu finden. Surcouf muss zudem die erheblichen Kosten seiner großen Ladengeschäfte tragen. 2008 erwirtschaftete das Unternehmen noch 225 Millionen Euro Umsatz, verglichen mit 247 Millionen Euro im Vorjahr. Doch die Schwierigkeiten nehmen zu.
Surcouf wurde 2009 übernommen und konnte sich seitdem nicht erholen.
2009 verließ Surcouf die PPR-Gruppe und wurde von Hugues Mulliez übernommen. Ziel war die Wiederbelebung der Marke. Die Ergebnisse blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. 2010 verzeichnete Surcouf Verluste von rund 20 Millionen Euro bei einem Umsatz von fast 168 Millionen Euro. Es kam auch zu Spannungen im Arbeitsumfeld. Eine Änderung des Vergütungssystems führte zu Konflikten mit einigen Mitarbeitern und zahlreichen Kündigungen. 2011 wurden mehrere Filialen geschlossen. Trotz einer Rekapitalisierung schrieb das Unternehmen weiterhin Verluste.
Im Jahr 2012 sank das Schiff Surcouf.
Im Februar 2012 meldete Surcouf Insolvenz an. Das Unternehmen wurde unter gerichtliche Verwaltung gestellt. Eine Lösung wurde noch erwogen: der Verkauf mehrerer Filialen und die Neuausrichtung der Geschäftstätigkeit auf den Standort Daumesnil. Die traditionsreiche Filiale sollte das Herzstück des neuen Surcouf bilden und die anderen Filialen sowie den Onlineshop beliefern. Doch es fand sich kein ausreichend tragfähiger Plan zur Rettung des Unternehmens. Am 10. Oktober 2012 ordnete das Handelsgericht Lille mangels Käufers die Liquidation von Surcouf an. Das Unternehmen beschäftigte zu diesem Zeitpunkt noch 379 Mitarbeiter. Der Betrieb wurde zunächst bis zum 30. November fortgeführt, um die Restbestände abzuverkaufen. Rabatte von bis zu 60 % lösten einen Ansturm auf die letzten Artikel aus. Die Ware war viel schneller ausverkauft als erwartet. Am 10. November 2012 schlossen die Surcouf-Filialen endgültig. In Daumesnil ging damit eine 17-jährige Firmengeschichte zu Ende.
Drei Jahre Stille vor der Ankunft von Leroy Merlin
Nach der Schließung von Surcouf stand das weitläufige Gebäude in der Avenue Daumesnil 139 ohne seinen langjährigen Mieter da. Schon die Suche nach einem Einzelhändler, der eine so große Fläche im Herzen von Paris belegen konnte, gestaltete sich schwierig. Drei Jahre später war die Lösung endlich da: Am 17. Juni 2015 eröffnete Leroy Merlin in den ehemaligen Räumlichkeiten von Surcouf einen riesigen Laden. Das Projekt wurde als Wiederbelebung des Standorts präsentiert. Der neue Laden erstreckt sich über drei Etagen inklusive Untergeschoss und umfasst bis zu 10.000 Quadratmeter. Er beschäftigt fast 140 Mitarbeiter und zählt zu den Flagship-Stores von Leroy Merlin in Paris. Neben Computern, Grafikkarten und Druckern findet man dort nun auch Bohrmaschinen, Farben, Küchenartikel, Badezimmerausstattung und Baumaterialien.
Elf Jahre nach seiner Ankunft verlässt Leroy Merlin Daumesnil.
Doch die Geschichte wiederholt sich. Im November 2025 kündigte Leroy Merlin die Schließung zweier großer Pariser Filialen, Rosa-Parks und Daumesnil, an. Die Stadt Paris gab an, dass diese jeweils rund 6.000 Quadratmeter großen Geschäfte vom Unternehmen als „strukturell unrentabel “ dargestellt worden seien. Die Schließung von Daumesnil war ursprünglich für Oktober 2026 geplant. Sie erfolgte jedoch früher. Nach mehrwöchigem Abverkauf empfing Leroy Merlin Daumesnil am 10. August 2026 seine letzten Kunden; elf Jahre nach seiner Eröffnung verließ die Marke ihrerseits die ehemalige Filiale in Surcouf.
Surcouf und dann Leroy Merlin: Zwei Epochen enden an derselben Adresse
Die Parallele ist frappierend. 1995 wählte Surcouf Daumesnil, um dort ein außergewöhnliches Computergeschäft zu eröffnen. 2015 übernahm Leroy Merlin die Räumlichkeiten und etablierte dort sein eigenes, sehr großes Fachgeschäft. Surcouf führte Daumesnil 17 Jahre lang, Leroy Merlin 11 Jahre. Zwischen diesen beiden Marken endete fast drei Jahrzehnte lang eine bestimmte Vision des Pariser Einzelhandels: die der gigantischen Fachgeschäfte, die Kunden aus der ganzen Hauptstadt und oft auch aus weit darüber hinaus anzogen. Der Aufstieg des Online-Handels, die Betriebskosten solcher Flächen und veränderte Konsumgewohnheiten haben dieses Modell nach und nach verdrängt.
Was wird aus dem ehemaligen Surcouf-Tempel?
Die Frage stellt sich erneut: Wer kann einen so riesigen Einzelhandelskomplex im Herzen des 12. Arrondissements übernehmen? Leroy Merlin selbst verlässt Paris nicht. Die Kette behält ihre Filialen in Beaubourg und Madeleine und konzentriert sich nun auf die Entwicklung deutlich kleinerer, spezialisierterer Formate in der Hauptstadt. Doch die Symbolkraft des Standorts in der Avenue Daumesnil 139 ist enorm. 1995 entdeckten Tausende Pariser dort ihre ersten Heimcomputer, kauften Komponenten oder ließen ihre PCs bei Surcouf zusammenbauen. 2015 entdeckte eine neue Generation einen der größten Baumärkte von Paris. Am 10. August 2026 schloss er seine Pforten erneut. Nach Surcouf und Leroy Merlin steht eine der traditionsreichsten Einzelhandelsadressen im Osten von Paris erneut vor ihrer Zukunft.