François Letexier leitete am Dienstag das Achtelfinalspiel der Weltmeisterschaft zwischen Argentinien und Ägypten. Argentinien gewann mit 3:2. Die Anwesenheit eines französischen Schiedsrichters bei einem Spiel der argentinischen Nationalmannschaft wurde trotz der seit Jahren bestehenden sportlichen Rivalität zwischen Les Bleus und den Argentiniern nicht als problematisch angesehen.
Die Situation wäre mit einem englischen Schiedsrichter anders gewesen. Bei der Schiedsrichteransetzung berücksichtigt die FIFA neben sportlichen Kriterien auch geopolitische Faktoren. Aus diesem Grund wird kein englischer Schiedsrichter für ein WM-Spiel Argentiniens ausgewählt. Umgekehrt gilt dasselbe: Ein argentinischer Schiedsrichter kann nicht für ein Spiel Englands nominiert werden.
Die allgegenwärtige Last des Falklandkriegs
Diese ungeschriebene Regel bezieht sich direkt auf den Falklandkrieg, einen Konflikt zwischen dem Vereinigten Königreich und Argentinien im Jahr 1982. Die beiden Länder kämpften um die Souveränität über die Falklandinseln. Der Krieg endete nach 74 Tagen mit einem britischen Sieg. Die menschlichen Verluste sind bis heute hoch: 649 argentinische Soldaten, 255 britische Soldaten und drei Inselbewohner kamen ums Leben. Mehr als vierzig Jahre später belastet dieser Konflikt weiterhin die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, auch im internationalen Fußball.
Anthony Taylor fällt für das Finale 2022 aus
Diese Vorsicht hatte bereits bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar Folgen. Der englische Schiedsrichter Anthony Taylor war für das Finale im Gespräch, doch das Spiel Argentinien gegen Frankreich machte seine Ansetzung unmöglich. Die FIFA wollte ein Finale mit argentinischer Beteiligung nicht einem englischen Schiedsrichter anvertrauen. Die Wahl fiel schließlich auf den polnischen Schiedsrichter Szymon Marciniak, der bereits das Finale geleitet hatte, das Argentinien nach einem 3:3-Unentschieden im Elfmeterschießen gegen Frankreich gewann. Diese Ansetzung verhinderte jegliche Kontroverse um die Nationalität des Schiedsrichters.
Schiedsrichter werden bei unmittelbarer Gefahr entfernt
Die FIFA wendet bei ihren Schiedsrichteransetzungen eine weitere Regel an: Ein Schiedsrichter darf kein Spiel leiten, an dem seine eigene Nationalmannschaft beteiligt ist. Ebenso wenig darf er für ein Spiel nominiert werden, dessen Ergebnis den Erfolg seines Landes, insbesondere in der Gruppenphase, direkt beeinflussen könnte. Diese Regelung soll den Verdacht auf Interessenkonflikte ausschließen. Daher basiert die Schiedsrichterauswahl nicht allein auf Können und Erfahrung, sondern berücksichtigt auch den politischen, historischen und sportlichen Kontext der beteiligten Mannschaften.
Collina und das Schiedsgericht entscheiden
Die Schiedsrichteransetzungen werden vom FIFA-Schiedsrichterteam unter der Leitung von Pierluigi Collina vorgenommen. Dieses Gremium entscheidet, welche Schiedsrichter die einzelnen Spiele leiten, und bewertet dabei Leistung, Nationalität, die bisherige Bilanz der Mannschaften und das Konfliktpotenzial. Für Argentinien gilt in der Praxis weiterhin die klare Regel: Keine englischen Schiedsrichter bei der Weltmeisterschaft. Die Erinnerung an den Falklandkrieg schließt nach wie vor jede Ansetzung aus, die die historischen Spannungen zwischen Buenos Aires und London wieder aufleben lassen könnte.