Der von Forschern der Universitäten Yale und Columbia veröffentlichte Umweltleistungsindex 2026 platziert Estland mit 75 von 100 Punkten an erster Stelle weltweit. Europäische Länder belegen 19 der Top-20-Plätze, doch Experten weisen darauf hin, dass selbst die am besten platzierten Länder noch weit von den notwendigen Klimazielen entfernt sind.
Der Umweltleistungsindex (EPI) wird alle zwei Jahre von Forschern der Universitäten Yale und Columbia veröffentlicht. Er basiert auf 47 Indikatoren, die in 12 Kategorien unterteilt sind (Klimaschutz, Luftqualität, Wälder, Wasserressourcen, Abfallmanagement, Biodiversität), und weist jedem Land eine Punktzahl zwischen null und 100 zu. Grundlage hierfür sind Daten aus verschiedenen Quellen, darunter das World Resources Institute und das Copernicus-Programm der Europäischen Union.
Estland hat sich dank der signifikanten Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen aus der Stromerzeugung im letzten Jahrzehnt den ersten Platz gesichert. Das Land hat seine Abhängigkeit von Ölschiefer, einem energiereichen Sedimentgestein aus dem eigenen Land, schrittweise verringert und setzt stattdessen verstärkt auf erneuerbare Energien, vor allem Solarenergie. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) strebt Estland an, bis 2030 seinen gesamten jährlichen Stromverbrauch mit erneuerbaren Energien zu decken. Dies ist Teil einer Klimaneutralitätsstrategie für 2050. Mehr als 50 % des Staatsgebiets sind von geschützten Wäldern und Feuchtgebieten bedeckt, die über 300 Vogelarten Lebensraum bieten.
Auf einer Konferenz der Universität der Vereinten Nationen am 9. Juli in New York erklärte der estnische Minister für Energie und Umwelt, Andres Sutt, er sei „sehr stolz“ auf diese Auszeichnung. Die Punktzahl von 75 Punkten verdeutlicht jedoch die Grenzen des Gesamtbildes: „Wenn Länder ihren Kurs hin zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 beibehalten wollen, müssen sie weiterhin erhebliche Emissionsreduktionen vornehmen, was künftig neue politische Maßnahmen erfordert“, warnt Zach Wendling, Hauptautor des Berichts.
Hinter Estland folgen Luxemburg mit 74 Punkten, das Vereinigte Königreich mit 72 Punkten sowie Finnland und die Niederlande mit jeweils 71 Punkten. Deutschland und Frankreich teilen sich mit 70 Punkten den sechsten Platz. Trotz der schwachen Leistung vieler EU-Mitgliedstaaten im Bereich der nachhaltigen Landwirtschaft belegen europäische Länder 19 der 20 Spitzenplätze im Ranking.
Am anderen Ende des Spektrums steht Laos, gefolgt von Indien, Bangladesch, Mali und Vietnam. Experten verweisen auf die „gravierende Umweltzerstörung, die eine direkte Bedrohung für die menschliche Gesundheit und wichtige Ökosysteme darstellt“. Indien belegt den vorletzten Platz vor allem aufgrund seiner Schwierigkeiten bei der Reduzierung von Feinstaubbelastung durch Verbrennungsprozesse, Baustellen und Waldbrände, die für schwere Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich ist.
Die Vereinigten Staaten belegen Platz 27, knapp hinter Australien (Platz 25) und vor Kanada (Platz 29). Die Rangliste basiert jedoch auf Daten bis 2024, was dem Ende von Joe Bidens Amtszeit entspricht. Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus, Donald Trump Die USA haben sich weiterhin für die Kohleindustrie eingesetzt, den Ausbau der Offshore-Windkraft gebremst und sind aus mehreren UN-Klimaverpflichtungen ausgetreten. Die US-Bewertung spiegelt gute Ergebnisse im Bereich Umweltschutz wider, hinkt aber bei Biodiversitäts- und Klimaindikatoren hinterher. China, der weltweit zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen, belegt Platz 129 und wird aufgrund seiner schlechten Klimabilanz trotz Fortschritten bei der Reduzierung der Luftverschmutzung in Innenräumen und der Abfallwirtschaft abgestraft.
Der Bericht wirft zudem ein methodisches Problem auf: Wohlhabende Länder verfügen über mehr Kapital für Investitionen in die Energiewende, während einkommensschwache Länder, die weniger zur globalen Erwärmung beitragen, Schwierigkeiten haben, die notwendigen Finanzmittel aufzubringen. Diese Ungleichheit wird durch die Auslagerung von Produktion und Abfallentsorgung noch verschärft. Im Jahr 2022 exportierte die EU 12,4 Millionen Tonnen Abfall in die Türkei und 3,5 Millionen Tonnen nach Indien. Der Staatenbund kündigte dieses Jahr außerdem an, seinen Mitgliedern durch „hochwertige internationale Zertifikate“ eine Emissionsreduktion von bis zu 5 % zu ermöglichen – ein Mechanismus, der von vielen Experten skeptisch betrachtet wird.
Gemeinschaft
Bemerkungen
Die Kommentarfunktion ist geöffnet, aber vor Spam geschützt. Beiträge und Kommentare mit Links werden manuell geprüft.
Sei der Erste, der diesen Artikel kommentiert.