The Majestic, Nagui, Delphine Ernotte… Eric Morillots Enthüllungen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschüttern
The Majestic, Nagui, Delphine Ernotte… Eric Morillots Enthüllungen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erschüttern

Am Vorabend der Filmfestspiele von Cannes sorgt ein Buch bereits in den Korridoren von France Télévisions und Radio France für Aufsehen. Die Unantastbaren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, herausgegeben von L'ArtilleurEric Morillot und Michel Goldstein beleuchten die internen Abläufe eines Systems, das finanzielle Unregelmäßigkeiten, Vetternwirtschaft und ideologischen Aktivismus vorgeworfen werden. Von der brisanten Majestic-Affäre in Cannes bis hin zu den Kontroversen um Nagui, Léa Salamé, Élise Lucet und Delphine Ernotte zeichnen die Autoren das Bild eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksektors, den viele Franzosen mittlerweile als realitätsfern empfinden. Mit exorbitanten Gehältern, internen Privilegien, dem Verdacht auf geheime Absprachen und einem Kulturkampf entwickelt sich das Buch, das sich in den Buchhandlungen rasant verkauft, bereits jetzt zu einem der wichtigsten Medienereignisse des Frühjahrs. Für das Magazin Entrevue spricht Eric Morillot offen über die Enthüllungen, die die französische audiovisuelle Landschaft bereits erschüttern.

Interview: Am Vorabend der Filmfestspiele von Cannes 2026 hat Ihr Buch die Majestic-Affäre neu entfacht. Warum könnte diese Geschichte brisant werden?

Eric Morillot: Denn genau das ist eine der wichtigsten Enthüllungen des Buches.

Während ganz Frankreich gespannt auf Cannes, die roten Teppiche und die Partys des Festivals blickt, enthüllen wir in „Die Unantastbaren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ die höchst peinlichen Details hinter den Kulissen des Aufenthalts mehrerer Führungskräfte von France Télévisions im Majestic während der Filmfestspiele von Cannes 2023. Wir veröffentlichen äußerst brisante Informationen über die Rechnung für diese luxuriösen Übernachtungen.

Während ihrer Anhörungen behaupteten Delphine Ernotte und mehrere Führungskräfte von France Télévisions, diese Reisen hätten die Steuerzahler dank eines Tauschsystems „keinen einzigen Cent gekostet“. Das Problem ist nur: Es wurde nie eine solche Tauschvereinbarung gefunden. Und, was noch wichtiger ist: Wir legen eine Rechnung des Majestic Hotels vor, die von der Firma Global Business Travel (GBT) bezahlt wurde.

Heute wurde eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet. Dieser Fall könnte sich sehr schnell dramatisch zuspitzen.

Darüber hinaus sind die ersten Folgen bereits sichtbar. France Télévisions wird nicht mehr im Majestic, sondern im Gray d'Albion, einem anderen Luxushotel in Cannes, untergebracht sein, das nur geringfügig günstiger ist, wie Christophe Tardieu, Generalsekretär von France Télévisions, kürzlich mitteilte. Dieser Wechsel mag angesichts des geringen Preisunterschieds zwischen den beiden Häusern – vergleichbar mit dem Tausch eines Ferraris gegen einen Porsche – Verwunderung auslösen.

Warum ist dieser Fall so schockierend?

Weil es sofort visuell präsent ist. Das Majestic steht für Cannes, Luxus, Suiten und die Croisette.

Als die Franzosen feststellen, dass führende Beamte des öffentlichen Dienstes in einem der renommiertesten Hotels der Welt absteigen – mit fragwürdigen Abrechnungen und Finanzierungsmethoden –, während ihnen gleichzeitig Sparmaßnahmen nahegelegt werden, ist der Schock unausweichlich.

Die Majestic ist zum Symbol eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders geworden, der in einer anderen Welt lebt. Und das ist nicht nur ein unbedeutendes Detail; es ist das Tor zu etwas viel Größerem.

Hotel Le Majestic Cannes

Ihr Buch beschreibt ein wahres System…

Ja. Die Untersuchungskommission deckte enorme Privilegien, exorbitante Gehälter, unglaublichen Schutz, einflussreiche Netzwerke, Interessenkonflikte und eine eindeutige ideologische Voreingenommenheit auf. Viele Franzosen hatten plötzlich das Gefühl, die Schattenseiten des öffentlichen Dienstes entdeckt zu haben.

Nagui ist einer der Namen, die in Ihrem Buch am häufigsten vorkommen…

Denn es wirft viele Fragen auf. Charles Alloncle behauptete sogar, Nagui sei „die Person, die in den letzten zehn Jahren am meisten von öffentlichen Geldern profitiert hat“. Diese Aussage löste natürlich einen Sturm der Entrüstung aus. Nagui reagierte öffentlich, verurteilte eine Kampagne gegen ihn und sprach von Hass im Internet. Doch die Debatte hatte begonnen.

Und vor allem haben die Franzosen begonnen, bestimmte Stars des öffentlichen Dienstes anders zu betrachten.

Glauben Sie, dass es heute eine Kluft zwischen den Stars des französischen Fernsehens und dem Rest des Landes gibt?

Ja, absolut. Das Problem ist nicht, dass manche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gut verdienen. Das Problem ist der Kontrast. Viele Franzosen haben das Gefühl, dass bestimmte Stars des öffentlichen Dienstes in einer abgeschotteten Welt leben, ständig andere belehren, im Namen des Volkes sprechen und dabei völlig von der Realität abgekoppelt sind. Und wenn dann Geschichten über Gehälter, Privilegien oder Luxushotels ans Licht kommen, bricht Wut aus.

Erwähnst du Léa Salamé auch in deinem Buch?

Ja, denn sie ist zu einer der prägendsten Figuren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geworden. Ihre Anhörung vor der Kommission hatte weitreichende Folgen. Insbesondere erklärte sie, dass „Transparenz unerlässlich ist“, weigerte sich aber gleichzeitig, ihr Gehalt offenzulegen. Diese Aussage traf bei vielen einen Nerv. Denn sie bringt die gegenwärtige Unruhe perfekt auf den Punkt: Viele Franzosen haben das Gefühl, dass manche Medienschaffende von anderen absolute Transparenz fordern, sich selbst gegenüber aber deutlich diskreter verhalten.

Wir greifen auch die Fragen auf, die während der Anhörungen der Kommission zu den Verbindungen zwischen Journalismus, Einflussnahme und politischer Zugehörigkeit aufgeworfen wurden. Und natürlich befeuerte ihre Beziehung zu Raphaël Glucksmann die Debatte um die Neutralität im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Léa Salamé steht zwar nicht im Mittelpunkt des Buches, aber sie erweist sich als eines der symbolträchtigsten Gesichter eines Mediensystems, das derzeit in der französischen Öffentlichkeit viele Fragen aufwirft.

Patrick Cohen und Thomas Legrand treten ebenfalls auf in eine Sequenz, die viral ging...

Ja, genau, dieses berühmte Video aus einem Pariser Café. Darin ist Thomas Legrand zu hören, wie er sagt: „Wir tun, was für Dati, Patrick und mich nötig ist.“ Diese Aussage schlug wie eine Bombe ein. Viele Franzosen hatten den Eindruck, dass bestimmte Journalisten und Politiker unter einer Decke steckten. Selbst Jean-Luc Mélenchon reagierte sehr scharf. Von da an dachten viele: „Sie sind also nicht neutral.“

Sie erwähnen in Ihrem Buch auch Élise Lucet…

Ja, denn ihr Auftritt hinterließ einen bleibenden Eindruck. Charles Alloncle fragte sie, warum sie ihr Gehalt nicht offenlegen wolle, wo sie doch im Fernsehen für Transparenz stehe. Sie antwortete, ihre Vergütung sei von staatlichen Prüfern genehmigt worden. Doch viele Franzosen nahmen etwas anderes mit: Die Verfechterin der Transparenz wollte ihr eigenes Gehalt nicht preisgeben.

Diese Passage hat weite Verbreitung gefunden. Denn sie berührt einen Punkt, der die öffentliche Meinung sehr bewegt: das Gefühl einer permanenten Doppelmoral.

Delphine Ernotte erscheint als zentrale Figur des Buches…

Ja, denn sie verkörpert dieses System. Das Buch schildert ihren Aufstieg, ihre Netzwerke, ihre Unterstützer, ihre Aussagen und den ideologischen Wandel von France Télévisions unter ihrer Führung. Und vor allem diesen mittlerweile symbolträchtigen Satz: „Wir versuchen, Frankreich so darzustellen, wie wir es uns wünschen.“ Für viele Franzosen war dieser Satz ein Schock. Denn sie spürten, dass eine kleine Elite das Land kulturell umgestalten wollte.

Sie gehen in der ideologischen Frage sehr weit…

Weil die führenden Politiker es endlich akzeptiert haben. Wenn Stéphane Sitbon-Gomès erklärt: „Der Wunsch nach Zusammenleben beginnt damit, die Dinge gemeinsam zu sehen“, offenbart er eine sehr präzise Vision von der Rolle der Medien.

Es geht nicht mehr nur um Information oder Unterhaltung. Es geht nun darum, die Gesellschaft kulturell zu verändern. Und viele Franzosen betrachten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mittlerweile als meinungsbildendes Medium, das durch ihre Steuergelder finanziert wird.

Die Präsidentin von France Télévisions, Delphine Ernotte-Cunci, und der Leiter der Sender und Programme, Stéphane Sitbon-Gomez

Sie erwähnen auch enorme Privilegien bei France Télévisions…

Die Zahlen sind erschreckend.

Das durchschnittliche Gehalt bei France Télévisions liegt bei über 6.000 Euro brutto pro Monat.

Rund dreißig Direktoren verdienen mehr als der Präsident der Republik.

Und vor allem ergeben sich dadurch ganz außergewöhnliche soziale Vorteile.

Beispielsweise können manche Abfindungszahlungen bis zu viermal höher sein als die im Arbeitsgesetzbuch vorgesehenen Beträge.

Wenn die Franzosen dies im aktuellen Kontext entdecken, löst das unweigerlich eine heftige Reaktion aus.

Sie verwenden häufig das Wort „Kaste“. Warum?

Denn hier agiert ganz offensichtlich ein extrem mächtiger innerer Zirkel. Dieselben Netzwerke sind stets präsent: Eliteuniversitäten, Ministerien, große Nachrichtenredaktionen, Verwaltungsbehörden, Medienmanager und die Politik. Und vor allem eine gemeinsame Weltanschauung. Das Buch zeigt, wie diese Elite nach und nach die Kontrolle über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erlangt hat.

Warum wird dieses Buch voraussichtlich so viele Diskussionen auslösen?

Denn es berührt etwas sehr Tiefgreifendes im Land. Die Franzosen haben zunehmend das Gefühl, dass es mittlerweile zwei Welten gibt: die der Medieneliten und die des restlichen Landes.

Wenn sie die Luxushotels, die Gehälter, die Privilegien, die Vereinbarungen, die Widersprüche und den Schutz entdecken, ist das unweigerlich ein Schock.

Und vor allem nennt das Buch Namen: Nagui, Delphine Ernotte, Patrick Cohen, Thomas Legrand, Léa Salamé, Élise Lucet… Das sind keine abstrakten Begriffe mehr. Sie sind die Gesichter eines Systems, das viele Franzosen heute anders sehen.

Worum geht es in Ihrem Buch letztendlich?

Er schildert, wie sich ein Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach und nach in eine ideologische, soziale und finanzielle Festung verwandelte. Eine Festung, in der sich manche unangreifbar wähnten. Und zum ersten Mal haben wir die Tore dieser Festung geöffnet.

Interview von Radouan Kourak und Aimé Kaniki

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