Der Fall, der seit gestern vor dem Schwurgericht in Marseille verhandelt wird, hat alle Voraussetzungen für ein juristisches Kopfzerbrechen. Der 25-jährige Abdellah Allais steht wegen versuchten Mordes vor Gericht, nachdem er am 24. Februar 2020 im Stadtteil Saint-Joseph im 14. Arrondissement der Stadt das Feuer auf zwei Cousins eröffnet hatte. Doch eine Besonderheit erschwert die Ermittlungen und heizt die Debatten an: die Existenz seines Zwillingsbruders, mit dem er mehrfach seine Identität getauscht haben soll, um der Justiz zu entgehen.
Eine Schießerei in einem sensiblen Gebiet
Am Abend des Vorfalls wurden am Grenzübergang Tour Sainte zwei Männer durch Schüsse schwer verletzt. Der Angriff wurde schnell als versuchter Mord beschrieben und führte die Ermittler zur Identifizierung eines Verdächtigen: Abdellah Allais. Doch von Anfang an gibt es ein Element, das für Verwirrung sorgt. Der betroffene Mann bestreitet kategorisch, für die Schüsse verantwortlich zu sein. Außerdem kommt sein Zwillingsbruder ins Spiel, was die Ermittlungen besonders komplex macht.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Justiz mit der Verwechslung zwischen den beiden Brüdern konfrontiert wird. Während des vorherigen Polizeigewahrsams sollen sie ihre Identitäten ausgetauscht haben, um Zweifel in den Meldedatenbanken zu säen. Ein Manöver, das umso wirksamer war, weil es sich bei den beiden um eineiige Zwillinge handelt und sie daher über den gleichen genetischen Code verfügen.
Laut Anklageschrift, zitiert von Die ProvenceDie beiden Brüder hätten „ihre Zwillingsidentitäten usurpiert“, um ihre Identifizierung durch die Polizei zu erschweren. Dieser Trick verlangsamte die Ermittlungen, da die Ermittler bei der Identifizierung des Täters Zeugenaussagen, Beweismittel und ballistische Analysen miteinander vergleichen mussten.
Ein Hochspannungsversuch
Trotz seiner Dementis wird Abdellah Allais nun als Hauptverdächtiger vor Gericht gestellt. Der Fund der Waffe und anderer belastender Beweise überzeugte die Behörden von seiner Beteiligung. Sein Prozess, der gestern begann, verspricht spannend zu werden und sollte dazu beitragen, Licht in die Grauzonen dieses außergewöhnlichen Falles zu bringen.
Das Urteil wird für Mittwoch erwartet, doch die Herausforderung für die Justiz bleibt beträchtlich: Es gilt, die Manipulationen aufzudecken und die genaue Verantwortung jedes einzelnen Bruders für die Schießerei in Marseille ans Licht zu bringen.