Lange Zeit folgte das Sonntagsessen einem fast unveränderten Ritual: Die Familie versammelte sich um ein Brathähnchen, einen Auflauf, ein selbstgemachtes Dessert und Gespräche, die sich bis in den Nachmittag hineinzogen. Dieses wöchentliche Ritual ist nach wie vor tief in der französischen Kultur verwurzelt, entwickelt sich aber im Einklang mit neuen Lebensstilen weiter. Unregelmäßige Arbeitszeiten, Patchworkfamilien und der Wunsch nach Einfachheit machen den Sonntag heute nicht mehr unbedingt so, wie er in früheren Generationen üblich war.
Die Zahlen spiegeln diesen Wandel wider. Laut mehreren Studien von Kantar und Crédoc aus den letzten Jahren legen die Franzosen weiterhin großen Wert auf gemeinsame Mahlzeiten, priorisieren aber Geselligkeit gegenüber traditionellen Menüs. Der Kauf von Produkten für den Brunch steigt, ebenso wie der von Grillartikeln in den wärmeren Monaten. In Großstädten verzeichnen Lieferdienste zudem einen Anstieg der Bestellungen am Sonntagmittag, insbesondere von jungen Berufstätigen und Familien, die ihren Tag genießen möchten, ohne stundenlang in der Küche zu stehen.
Brunch, Grillabende und Lieferdienste verändern Traditionen.
In Lyon hat die 34-jährige Marketingmanagerin und zweifache Mutter Camille ihren Alltag komplett umgekrempelt. „Früher habe ich den ganzen Vormittag mit Kochen verbracht. Jetzt gibt es einen ausgiebigen Brunch mit Pfannkuchen, Rührei und Obst, und alle helfen mit. Die Kinder decken total gerne den Tisch, und so haben wir den ganzen Nachmittag Zeit, auszugehen.“ Für sie ist der Sonntag immer noch ein Familientag, aber er ist viel entspannter geworden.
In Meyzieu, einem Vorort von Lyon, bevorzugt der 41-jährige Julien eine andere Herangehensweise. „Sobald das Wetter schön ist, schmeißen wir mit den Nachbarn den Grill an. Jeder bringt etwas mit, und manchmal verbringen wir sechs Stunden zusammen. Es ist zwar nicht ganz wie ein Essen bei den Großeltern, aber der Gedanke des Miteinanders ist trotzdem da.“ Dieses Bedürfnis nach Geselligkeit erklärt auch den Erfolg der Sonntagsmärkte mit ihren regionalen Erzeugern und frischen Produkten, die es den Menschen ermöglichen, sich ein Essen zusammenzustellen, ohne unbedingt traditionellen Rezepten folgen zu müssen.
Familienrezepte widerstehen dem Wandel
Doch die Klassiker sind nicht verschwunden. In vielen Familien ist der Sonntag nach wie vor untrennbar mit selbstgekochten Gerichten verbunden. In Villeurbanne kocht die 67-jährige Françoise noch immer einmal im Monat das Boeuf Bourguignon ihrer Mutter. „Meine Enkelkinder könnten zwar Burger essen, aber sie fragen mich immer nach diesem Rezept. Es ist ein Teil unserer Familiengeschichte.“ Kochbücher, die über Generationen weitergegeben wurden, erfreuen sich sogar wieder wachsender Beliebtheit, insbesondere bei jungen Erwachsenen, die gerne mehr kochen.
Letztendlich verschwindet das Sonntagsessen nicht, es wandelt sich nur. Brunch ersetzt mitunter das traditionelle Mittagessen, Grillgerichte konkurrieren mit Braten, und gelegentlich wird auch Essen geliefert. Doch eines bleibt konstant: das Bedürfnis, zusammenzukommen. In einer Gesellschaft, in der die Lebensstile immer fragmentierter werden, ist der Sonntag einer der wenigen Tage, an denen wir uns noch Zeit für eine gemeinsame Mahlzeit nehmen, egal in welcher Form.
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