Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen 2027 steht der Wirtschaftskampf bereits im Mittelpunkt des Wahlkampfes. In einem Interview mit der „La Tribune Dimanche“ übt der Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion besonders scharfe Kritik an den Vorschlägen von Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon . Seine Besorgnis beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Inhalte ihrer Programme: Er warnt vor einer französischen Haushaltslage, die seiner Ansicht nach so fragil ist, dass ein glaubwürdiger Haushalt für 2027 dringend erforderlich ist.
Der Kontext erklärt zum Teil die Entschlossenheit seiner Rede. Schwaches Wachstum, steigende Arbeitslosigkeit, höhere Schuldenkosten und durch politische und geopolitische Unsicherheiten gehemmte Investitionen bilden seiner Ansicht nach eine besonders besorgniserregende Mischung. Die Staatsverschuldung hat bis 2026 bereits 3,5 Billionen Euro überschritten, und die Schuldenlast hat mittlerweile ein Niveau erreicht, das den Handlungsspielraum des Staates einschränkt.
Finanzierungsversprechen stehen im Mittelpunkt der Präsidentschaftswahlen
Philippe Aghion konzentriert seine Kritik zunächst auf Marine Le Pen. Der Wirtschaftswissenschaftler ist der Ansicht, dass die Kandidatin des Rassemblement National versucht, sich als verantwortungsbewusste Finanzpolitikerin darzustellen, während sie gleichzeitig Maßnahmen befürwortet, die sich mit diesem Ziel nur schwer vereinbaren lassen. Er nennt insbesondere den Wunsch nach einer strengeren Haushaltsdisziplin bei gleichzeitiger Beibehaltung oder gar Senkung des Rentenalters. Seiner Ansicht nach bedarf diese Rechnung deutlich präziserer Erklärungen zu den Einsparungen und Einnahmen, die solche Maßnahmen finanzieren sollen. (La Tribune)
Auch Jean-Luc Mélenchon bleibt nicht von Kritik verschont. Sein Vorschlag, einen Teil der französischen Staatsschulden bei der Europäischen Zentralbank zu erlassen , wird von Wirtschaftswissenschaftlern zwar als technisch machbar, aber aufgrund seiner potenziellen Folgen als äußerst gefährlich eingestuft. Philippe Aghion befürchtet insbesondere einen Vertrauensverlust der Investoren, der die Finanzierung französischer Staatsschulden erheblich erschweren könnte. In einem Wahlkampf, in dem die Kandidaten bereits zahlreiche kostspielige Ankündigungen machen, dürfte sich die Debatte daher schnell auf eine weniger spektakuläre, aber entscheidende Frage verlagern: Wer wird diese Versprechen letztendlich bezahlen?
Der Ökonom weigert sich jedoch, Frankreich als bereits in einer Schuldenkrise steckend darzustellen . Seine Sorge gilt vielmehr der Gefahr einer Abwärtsspirale. Steigt die Verschuldung weiterhin schneller als die Wertschöpfung, könnten institutionelle Anleger ihr Engagement in französischen Staatsanleihen schrittweise reduzieren. Eine solche Entwicklung würde die Finanzierungskosten in die Höhe treiben und letztlich die Realwirtschaft stärker belasten. Genau dieses „Schneeballeffekt“-Szenario will Philippe Aghion unbedingt vermeiden.
Auch im Bereich der Renten befürwortet er einen Ansatz, der kurzfristige Einsparungen mit langfristigen Reformen verbindet. Er ist überzeugt, dass eine geringere Indexierung der höchsten Renten bestimmte Ausgaben kurzfristig reduzieren könnte. Diese Maßnahme allein würde das Finanzierungsproblem des Systems jedoch nicht lösen. Langfristig hält der Ökonom eine Anhebung des effektiven Renteneintrittsalters für unumgänglich und bevorzugt dabei mehr Flexibilität gegenüber der Einführung eines einheitlichen, obligatorischen Renteneintrittsalters für alle.
Die Botschaft an die Kandidaten ist daher eindeutig: Bei einer Präsidentschaftswahl, in der Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon eine zentrale Rolle im politischen Geschehen spielen, könnte die wirtschaftliche Glaubwürdigkeit zu einem der Hauptkampfschauplätze werden. Soziale und fiskalische Versprechen werden ebenso genau unter die Lupe genommen wie deren Finanzierung, insbesondere da die öffentlichen Finanzen immer weniger Spielraum für Fehler lassen. Philippe Aghion erinnert daran, dass der Wahlkampf 2027 nicht nur von den angekündigten Maßnahmen abhängen wird, sondern auch davon, ob jeder Kandidat nachweisen kann, dass sein Plan den finanziellen Zwängen des Landes tatsächlich standhält.
