Bruno Le Maire begab sich auf besonders heikles Terrain. Am Mittwoch, dem 29. Juli, war der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister zu Gast bei Thinkerview für ein ausführliches Live-Interview. Angesichts des Senders Sky, der seine Politik regelmäßig kritisiert und seine ablehnende Haltung offen zur Schau stellt, wusste der ehemalige Bercy-Bewohner, dass ihm weder ein wohlwollender Austausch noch eine sorgfältig inszenierte PR-Kampagne etwas bringen würden.
Bruno Le Maires Mut verdient besondere Erwähnung. Obwohl ihm mehrere enge Vertraute angeblich von der Teilnahme an der Sendung abgeraten hatten, erschien der ehemalige Minister ohne Begleitung, eine halbe Stunde zu früh, und beantwortete anschließend über zwei Stunden lang die oft brutalen Fragen seines Gesprächspartners. „Es gibt kein feindliches Territorium in Frankreich.“Er betonte, dass er es vorziehe, sich Missverständnissen und Wut zu stellen, anstatt sich zu verstecken.
Staatsverschuldung im Zentrum der Auseinandersetzung
Sky zögerte nicht lange, seinen Gast nach seiner größten Schwäche zu fragen: dem Zustand der öffentlichen Finanzen nach sieben Jahren im Wirtschafts- und Finanzministerium. Bruno Le Maire räumte seine Mitverantwortung für die sich verschlechternde Haushaltslage und die Fehleinschätzung eines Steuerausfalls von 40 Milliarden Euro im Jahr 2023 ein. Er verteidigte seine Bilanz jedoch mit dem Hinweis, dass die während seiner Amtszeit aufgenommenen zusätzlichen Schulden maßgeblich dazu beigetragen hätten, Unternehmen und Arbeitnehmer während der Gesundheitskrise zu schützen.
Der ehemalige Minister behauptet, bereits 2024 einen Konjunkturplan vorgelegt zu haben, der das Haushaltsdefizit bis 2027 auf unter 3 % des BIP senken sollte. Laut seinen Angaben verhinderte die Auflösung der Nationalversammlung dessen Umsetzung, da dadurch jede Mehrheit wegfiel, die unpopuläre Ausgabenkürzungen hätte durchsetzen können. Auf Nachfrage von Sky räumt er jedoch ein, dass die Prognosemodelle des Finanzministeriums nicht ausreichend zuverlässig waren, und schlägt nun vor, die Einschätzungen der Regierung mit denen privater Experten zu vergleichen.
Ein rauer, aber selten geschlossener Austausch
Der Ton ist mitunter harsch. Insbesondere Sky beschreibt Bruno Le Maire als "dummes und unterwürfiges kleines Soldatenkind"Ihm wird vorgeworfen, die französische Öffentlichkeit nicht ausreichend gewarnt zu haben, und seine Verwendung des Wortes „Antizipation“ im Zusammenhang mit Covid wird kritisiert. Der ehemalige Minister bleibt jedoch im Studio und antwortet Punkt für Punkt, wobei er seinen Status als „guter Soldat“ betont und die Idee der Unterwürfigkeit ablehnt. Dieser Widerstand verleiht dem Interview eine Intensität, die in traditionellen audiovisuellen Formaten selten zu sehen ist.
Bruno Le Maire verteidigt entschieden die während der Pandemie ergriffenen Maßnahmen, darunter staatlich garantierte Kredite und die staatliche Lohnsubventionierung. Er räumt jedoch ein, dass die Regierung einen schwerwiegenderen Fehler begangen habe, als sie glaubte, das französische Sozialmodell ohne grundlegende Umgestaltung erhalten zu können. Seiner Ansicht nach bringen der anhaltende Anstieg der Sozialausgaben und die Rentenfinanzierung Frankreich nun in gefährliche Nähe zum Verlust seiner Souveränität gegenüber seinen Gläubigern.
Von der Wirtschaft bis zur Militärmacht
Das Interview geht weit über die Frage der öffentlichen Finanzen hinaus. Bruno Le Maire plädiert für die schrittweise Ablösung des Wohlfahrtsstaates durch einen Machtstaat, der mehr in Verteidigung, Innovation und nationale Unabhängigkeit investieren kann. Er ist der Ansicht, dass die Militärstärke auf 300.000 Mann ansteigen und der Verteidigungshaushalt auf rund 100 Milliarden Euro erhöht werden sollte.
Das Ende der Sendung räumt Kultur und persönlichen Machtkonzepten mehr Raum ein. Der ehemalige Minister empfiehlt Charles de Gaulles „Die Klinge des Schwertes“, Thomas Bernhards „Alte Meister“ und Saint-Simons „Memoiren“. Nach über zweistündiger Diskussion stimmt er sogar einer weiteren Einladung zu. Mit über 165.000 Aufrufen in weniger als zwei Tagen beweist dieser Beitrag vor allem, dass lange, anspruchsvolle Gespräche auch heute noch ein Publikum finden, wenn der Gast wirklich bereit ist, seine Komfortzone zu verlassen.
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