Der Tod der elfjährigen Lyhanna löste landesweit eine Welle der Bestürzung aus. Sie hielt das Justizsystem zur Rechenschaft. Warum ist der Hauptverdächtige bereits Gegenstand mehrerer Sexualverfahren oder Anzeigen mit MinderjährigenWar er nicht schon vor dem Verschwinden des Kindes befragt worden? Frédéric Chevallier, Staatsanwalt von Chartres und Präsident der Nationalen Konferenz der Staatsanwälte, verteidigte am Montagmorgen in einem Interview mit RMC die Beamten der Staatsanwaltschaft, räumte aber gleichzeitig ein, dass der Fall Aufklärung erfordere. Er prangerte an, dass „die Magistrate den Wölfen zum Fraß vorwerfen“in der Überzeugung, dass die öffentliche Empörung die Arbeit von Inspektionen nicht ersetzen sollte.
Justizminister Gérald Darmanin hat seinerseits eine Überprüfung von 70.000 Beschwerden, die Kinder betreffen, bis zum 14. Juli angeordnet. Eine administrative Untersuchung soll zudem klären, ob Verzögerungen, Fehler oder Funktionsstörungen die Bearbeitung der Fälle, die den Verdächtigen betreffen, beeinträchtigt haben.
Für die Franzosen erfüllt das Justizsystem seine Aufgaben nicht.
In diesem Fall sind die bekannten Fakten umfangreich. Lyhanna verschwand am 29. Mai in Fleurance (Département Gers). Ihre Leiche wurde am 4. Juni in einem verlassenen landwirtschaftlichen Silo in Puycasquier gefunden. Die Identifizierung erfolgte durch einen DNA-Vergleich. Die genaue Todesursache war zum Zeitpunkt der letzten Mitteilungen der Justizbehörden noch nicht geklärt. Der Hauptverdächtige, ein 41-jähriger Mann und Vater einer Freundin von Lyhanna, wurde wegen Entführung und Freiheitsberaubung einer Minderjährigen unter 15 Jahren angeklagt.
Doch seine strafrechtliche und verwaltungsrechtliche Akte stößt derzeit auf heftige Kritik. Mehrere Beschwerden und Anzeigen waren den Behörden bereits bekannt. Besonders brisant ist die Anzeige der Mutter eines jungen Mädchens vom 22. August 2025, in der sie wiederholte Vergewaltigungen anprangerte. Am 11. September soll ein medizinisches Gutachten Beweise gefunden haben, die mit den Aussagen des Kindes übereinstimmen. Der Verdächtige wurde jedoch offenbar vor Lyhannas Verschwinden nicht befragt.
Unter diesen Umständen lässt sich kaum argumentieren, dass der Zorn der Franzosen rein emotional motiviert sei. Wenn ein Kind stirbt und zuvor Warnungen vorlagen, muss die Justiz erklären können, warum bestimmte Verfahren schleppend verliefen, warum bestimmte Maßnahmen nicht früher ergriffen wurden und ob einzelne Entscheidungen ein bereits bestehendes Risiko verschärft haben.
Frédéric Chevallier fordert "Bewahre einen kühlen Kopf"
In einem Interview mit Apolline de Malherbe betonte Frédéric Chevallier, wie wichtig es sei, die Richter nicht vor Abschluss der Ermittlungen zu verurteilen. Er räumte die Emotionen der Öffentlichkeit und deren Bedürfnis nach Wahrheit ein, rief aber die Amtsträger dazu auf, … "Bewahre einen kühlen Kopf"Sein Hauptargument: Seiner Ansicht nach kann niemand ernsthafte Schlüsse ziehen, bevor der gesamte Tathergang rekonstruiert ist. Der Staatsanwalt in Chartres bestreitet jedoch die Möglichkeit von Fahrlässigkeit nicht. „Ich sage nicht, dass nichts passiert ist.“ Er weigert sich jedoch, die politische Stellungnahme vor Abschluss der verwaltungsinternen Untersuchung verfassen zu lassen. Die Kritik richtet sich daher weniger gegen die richterliche Kontrolle als vielmehr gegen die Versuchung, die Verantwortlichen sofort zu benennen.
Eine Verteidigung, die nicht ausreicht, um die Fragen zu besänftigen
Das Problem für die Richter besteht darin, dass der Fall Lyhanna nicht einfach nur eine emotional aufgeladene Kontroverse ist. Die bekannten Fakten werfen eine konkrete Frage auf: Wie lange kann eine Anzeige wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen unbearbeitet bleiben, insbesondere wenn medizinische Gutachten vorliegen? Genau das macht die institutionelle Verteidigung angreifbar. Erklärungen, dass die Justiz überlastet, die Ermittlungsbehörden überfordert und die Staatsanwaltschaft ständig zwischen dringenden Fällen hin- und hergerissen ist, gehen nicht ausreichend auf die Sorgen der Familien ein. In einem Fall, der ein Kind betrifft, geht es nicht nur um Ressourcen. Es geht auch darum, der Aussage von Minderjährigen Priorität einzuräumen und Risiken zu vermeiden.
Frédéric Chevallier wies darauf hin, dass die Staatsanwaltschaften bereits mit einem erheblichen Fallrückstand zu kämpfen haben. Er erwähnte nicht nur die 70.000 Anzeigen gegen Minderjährige, deren gründliche Überprüfung das Justizministerium gefordert hat, sondern auch Millionen von Fällen aus allen Bereichen des Strafrechts, die bei den Ermittlungsbehörden anhängig sind. Dieses Argument ist stichhaltig. Es offenbart eine Institution unter Druck. Doch es reicht nicht aus, die Debatte zu beenden. Denn wenn alles Priorität hat, hat letztendlich nichts mehr Priorität. Der Fall Lyhanna zwingt die Justiz daher, zu erklären, wie sie Anzeigen priorisiert, insbesondere wenn es sich um Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder handelt.
Das Finanzministerium wünscht eine umfassende Überprüfung der Beschwerden.
Gérald Darmanin hat eine drastische Maßnahme gewählt: Er hat die Staatsanwaltschaft angewiesen, die 70.000 Anzeigen gegen Kinder als Opfer, insbesondere in Fällen von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch, zu überprüfen. Ziel ist es, festgefahrene Fälle und Risikosituationen zu identifizieren. Diese Entscheidung entspricht einem politischen und moralischen Gebot. Sie soll sicherstellen, dass kein vergleichbarer Fall in einer Ermittlungseinheit oder bei der Staatsanwaltschaft unbearbeitet bleibt. Sie spiegelt auch ein bewusstes Misstrauen gegenüber der normalen Funktionsweise der Strafjustiz wider. Doch diese Anweisung wirft eine weitere Frage auf: Was geschieht nach der Überprüfung? Die Fälle allein zu identifizieren, genügt nicht. Sie müssen bearbeitet, Befragungen durchgeführt, Überprüfungen vorgenommen, Prioritäten gesetzt, Ermittlungen wieder aufgenommen und richterliche Entscheidungen getroffen werden. Ohne zusätzliche operative Ressourcen birgt die Überprüfung von 70.000 Anzeigen die Gefahr, das Ausmaß des Problems zwar offenzulegen, es aber nicht vollständig zu lösen.
„Auch Richter sind vor nichts gefeit.“
Der Präsident der Nationalen Konferenz der Staatsanwälte schließt individuelle Verantwortlichkeit nicht aus. Auf der RMC-Konferenz bekräftigte er, dass „Auch Richter sind vor nichts gefeit.“.
Die Spannungen haben sich durch Drohungen gegen den Staatsanwalt in Auch weiter verschärft. Das Justizministerium hat Anzeige erstattet, nachdem in den sozialen Medien Morddrohungen kursierten. Diese Entwicklung verdeutlicht die Gefahr, dass Wut in persönliche Angriffe umschlägt. Genau das befürchtet Frédéric Chevallier. Die Staatsanwaltschaft will verhindern, dass der Fall Lyhanna vor Abschluss der Ermittlungen zu einem öffentlichen Prozess gegen einen Richter oder die Staatsanwaltschaft wird. Diese Vorsicht wird jedoch nur dann gewahrt, wenn die Justiz die berechtigten Fragen von Familien, Verbänden und der Öffentlichkeit umfassend und transparent beantwortet.
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