Schwere Überschwemmungen des Nils haben in Ägypten und im Sudan zu großflächigen Überschwemmungen geführt. Hunderte Familien mussten obdachlos werden und die Spannungen um den gigantischen äthiopischen Renaissance-Staudamm haben erneut zugenommen. Die ägyptischen Behörden bestätigten, dass mehrere Dörfer im Nildelta, insbesondere in den Gouvernements Menoufia und Beheira, teilweise überschwemmt wurden.
Der ägyptische Premierminister Mostafa Madbouly sagte, die Regierung habe mit dem steigenden Wasserstand gerechnet, der mit der jährlichen Hochwassersaison und der vollständigen Inbetriebnahme des äthiopischen Staudamms zusammenfalle. Er fügte jedoch hinzu, dass die in diesem Jahr beobachteten Wasserstände höher als normal seien und bis Ende Oktober anhalten könnten.
Auch im Sudan haben die Überschwemmungen erhebliche materielle und menschliche Schäden verursacht. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden rund 1.200 Familien vertrieben. Hilfsmaßnahmen unterstützen die isolierte Bevölkerung, einige Gebiete sind jedoch nach wie vor schwer zugänglich.
Diplomatisch hat die Katastrophe den schwelenden Konflikt zwischen Ägypten, dem Sudan und Äthiopien um Äthiopiens Mega-Staudamm am Blauen Nil neu entfacht. Kairo wirft Addis Abeba vor, die Befüllung und Wasserabgabe „einseitig und rücksichtslos“ zu handhaben. Diese Entscheidungen würden das hydrologische Gleichgewicht des Flusses stören und die Wasserversorgung der Region gefährden, heißt es in Kairo.
Äthiopien weist diese Vorwürfe zurück und behauptet, die Regulierung des Staudamms diene dazu, die Auswirkungen von Überschwemmungen zu verringern und den Nilfluss zu stabilisieren. Addis Abeba betont, der Renaissance-Staudamm sei ein wichtiges Projekt für die Entwicklung und Energieproduktion des Landes und reduziere gleichzeitig die Risiken für die flussabwärts gelegenen Anrainerstaaten.
Die Überschwemmungen ereignen sich zu einem Zeitpunkt, an dem die Spannungen bereits groß sind: Die trilateralen Verhandlungen über den Staudamm sind seit Monaten ins Stocken geraten. Ägypten und der Sudan fordern ein rechtsverbindliches Abkommen zur Wasserbewirtschaftung, während Äthiopien seine Souveränität über das Projekt verteidigt. Der steigende Nilpegel schärft damit eine schwere hydropolitische Krise, die die Zukunft der Region beeinflusst.