Mit „Vieille“ rückt Delphine Panique eine Figur in den Mittelpunkt der Erzählung, die wir normalerweise kaum wahrnehmen: eine sehr alte Frau, die keinen anderen Namen trägt als den, den die Gesellschaft ihr gibt. Sie bewegt sich langsam, versperrt die Bürgersteige, behindert Eilige, amüsiert oder nervt, weigert sich aber hartnäckig, in Vergessenheit zu geraten. Die von Misma in einem Album gesammelten Comicstrips, die ursprünglich in den Magazinen „Nicole“ und „Aristide“ erschienen, ergeben ein Porträt, das zugleich grausam, witzig und zutiefst politisch ist.
Die Autorin stellt die gängige Sichtweise auf das Altern von Frauen auf den Kopf. Ihre Heldin ist weder weise noch liebenswert: Sie nörgelt, beobachtet, provoziert und reagiert. Doch unter diesem bissigen Ton offenbart die Graphic Novel weit mehr als bloße Satire: ein ganzes Leben, geprägt von Einsamkeit, einem sich verändernden Körper, Erinnerungen, die auf unterschiedliche Weise wieder auftauchen, und der sozialen Gewalt, die dem Altern als Frau innewohnt.
Eine toughe Heldin, weit entfernt von jedem beruhigenden Bild
Das Buch besticht vor allem durch seine schnörkellose Darstellung. Delphine Panique zeichnet eine behaarte, zusammengesunkene, manchmal triefende alte Frau, die mitunter grotesk wirkt, aber stets eine intensive Präsenz ausstrahlt. Genau darin liegt die Stärke der Graphic Novel: Sie verleiht einem Körper Substanz, den unsere Zeit unsichtbar machen oder nur dann akzeptieren würde, wenn er elegant, schlank und unauffällig bleibt.
In ihren Wanderungen und Gedanken stellt Vieille den Rhythmus ihres alternden Körpers dem einer Welt gegenüber, die von Geschwindigkeit, Effizienz und Jugend besessen ist. Das Album will das Herz des Hörers nicht erweichen, sondern es vielmehr provozieren. Diese Frau, die man leicht als bemitleidenswert oder vergesslich abstempeln könnte, kehrt immer wieder zurück, um Raum einzunehmen und ihre Stimme zu erheben.
Ein witziges, schonungsloses und sehr treffendes Buch über das Altern von Frauen.
Doch „Vieille“ beschränkt sich nicht auf die Frage des Alters. Delphine Panique zieht in ihrem Buch Bilanz eines Lebens, das von gesellschaftlichem Druck, sexistischer Gewalt und den Spuren des Frauseins geprägt ist, das nicht mit den Wechseljahren endet. Das Buch weitet sich dann aus: Es wird zu einer ergreifenden Betrachtung dessen, was es bedeutet, Jahrzehnte als Frau gelebt zu haben – mit all den Demütigungen, Opfern und der hart erkämpften Klarheit, die damit einhergehen.
Das Artwork ergänzt dieses Projekt perfekt. Die Formen sind rau, die Farben kräftig, die Linien scheinbar einfach, aber dennoch höchst bewusst gewählt. Das Ganze changiert ständig zwischen Trivialem und Poetischem, zwischen Humor und einer Art gedämpfter Melancholie. Diese Mischung macht das Album so einzigartig: Vieille bringt einen zum Lachen, lässt einen unbehaglich fühlen und berührt einen dann dort, wo man es am wenigsten erwartet.
Das von Misma veröffentlichte Album bestätigt Delphine Paniques sehr persönlichen Stil: trockener Humor, Zärtlichkeit ohne Sentimentalität und die seltene Fähigkeit, eine abgelehnte Figur in eine unvergessliche Persönlichkeit zu verwandeln.