Es war der 23. April: Frédéric Ozanam gründete die Konferenz der Nächstenliebe.
Es war der 23. April: Frédéric Ozanam gründete die Konferenz der Nächstenliebe.

Am 23. April 1833 versammelte der zwanzigjährige Jurastudent Frédéric Ozanam von der Sorbonne fünf Freunde in einem Zimmer in der Rue du Petit-Bourbon-Saint-Sulpice in Paris, dem Sitz der Zeitung „La Tribune Catholique“. Gemeinsam mit dem Journalisten Emmanuel Bailly als Mentor gründeten sie die erste Konferenz der Nächstenliebe mit einem einfachen, aber radikalen Ziel: den Worten Taten folgen zu lassen und durch konkrete Schritte zu beweisen, dass der katholische Glaube lebendig und wirksam war. An diesem Abend brachten zwei von ihnen einem armen Bekannten ihr letztes Brennholz für den Winter. Eine bescheidene, aber wegweisende Geste. Aus diesem Treffen von sechs mittellosen jungen Männern ging die Vinzenzgemeinschaft hervor, die heute weltweit über 800.000 Freiwillige zählt.

Ein Student, empört über das Elend seiner Zeit

Frédéric Ozanam wurde am 23. April 1813 in Mailand, damals eine französische Stadt, in eine fromme und wohltätige Familie geboren und wuchs in Lyon auf, wo sein Vater, ein Arzt, die Ärmsten der Armen unentgeltlich behandelte. Brillant, mehrsprachig und mit einer Leidenschaft für den Journalismus kam er nach Paris, um dort Jura zu studieren – in einem Umfeld, das der Religion zutiefst feindlich gesinnt war. Angesichts wiederholter Angriffe auf die katholische Kirche antwortete er nicht einfach mit Argumenten: Er wollte beweisen, dass Glaube sich in Taten umsetzen lässt. In diesem Sinne rief er 1834 zusammen mit Freunden die Fastenkonferenzen in der Kathedrale Notre-Dame in Paris ins Leben, die jedes Jahr Hunderte von Studenten anzogen. Doch vor allem die direkten Besuche bei den Armen in ihren Wohnungen – eine damals äußerst seltene Praxis – wurden zum Markenzeichen seiner Arbeit. Unter der Anleitung von Schwester Rosalie Rendu, einer Nonne der Barmherzigen Schwestern, die die verarmten Viertel von Paris genau kannte, lernten die jungen Gründer, zu den Armen zu gehen, anstatt darauf zu warten, dass sie zu ihnen kamen. Ende 1833 zählte der Verein 25 Mitglieder und musste in neue Räumlichkeiten umziehen. Am 4. Februar 1834 wurde er offiziell unter die Schirmherrschaft des heiligen Vinzenz von Paul gestellt.

Der Vorläufer der Soziallehre der Kirche

Nach seiner Promotion in Rechtswissenschaften und seiner Professur für Geschichte an der Sorbonne setzte sich Frédéric Ozanam unermüdlich für eine zeitgemäße und sozial engagierte Kirche ein. Als Anhänger von Lamennais und Lacordaire prangerte er den Wirtschaftsliberalismus und die Ausbeutung der Schwächsten entschieden an, überzeugt davon, dass der Katholizismus den Ungleichheiten der Industriellen Revolution nicht gleichgültig gegenüberstehen konnte. 1848 bekannte er sich zu republikanischen Idealen, die er als Mittel zur Linderung der weitverbreiteten Armut sah. Da er seit seiner Kindheit gesundheitlich angeschlagen war, reiste er in seinen späteren Jahren auf der Suche nach medizinischer Behandlung durch ganz Europa – von Biarritz über Spanien und Marseille bis nach Italien –, bevor er am 8. September 1853 im Alter von vierzig Jahren in Marseille starb. Sein Traum von einem weltweiten „Netzwerk der Nächstenliebe“ hat ihn jedoch überdauert: Die Vinzenzgemeinschaft ist heute in 141 Ländern vertreten. Am 22. August 1997, während des Weltjugendtags in Paris, sprach Papst Johannes Paul II. Frédéric Ozanam selig und erkannte ihn damit offiziell als Vorläufer dessen an, was die Kirche später ihre Soziallehre nennen sollte.

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