Bei Razzien im Frühjahr in Nordrhein-Westfalen wurden über 9.000 Rettungswesten, Dutzende Schlauchboote und 360 Pumpen beschlagnahmt. Es ist das erste Mal, dass Deutschland ein im Dezember 2024 verabschiedetes Gesetz zur Bekämpfung der Schleusung von Migranten nach Großbritannien angewendet hat.
In einem geheimen Lagerhaus in Westdeutschland stapeln sich leere Schlauchboote in Kartons, neben Tausenden von eng in Plastik verpackten Rettungswesten. Die Ausrüstung, die im Frühjahr bei einer gemeinsamen Operation Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands beschlagnahmt wurde, hätte laut der britischen National Crime Agency (NCA) mehr als 2.000 Migranten die illegale Überfahrt über den Ärmelkanal ermöglicht.
Die Boote, etwa neun Meter lang, beförderten Berichten zufolge durchschnittlich 65 Personen – weniger als die „Mega-Boote“, die diesen Sommer beobachtet wurden, aber im Einklang mit den jüngsten Durchschnittswerten. Das Migrationsobservatorium in Oxford geht davon aus, dass das Auftreten dieser überfüllten Boote in direktem Zusammenhang mit strengeren Kontrollen steht: Schleuser haben „einen zusätzlichen Anreiz, so viele Menschen wie möglich in die verfügbaren Boote zu pferchen“.
Die im Lager aufbewahrten Rettungswesten tragen Etiketten mit chinesischen Schriftzeichen. Ihre Füllung, die kaum mehr als aus synthetischem Schaumstoff besteht, macht sie für die unberechenbaren Gewässer des Ärmelkanals völlig ungeeignet. Ein Großteil der Ausrüstung für diese Überfahrten wird in China hergestellt und dann, oft über die Türkei, nach Europa verschifft. Zollbeamte entdeckten kürzlich zwanzig nicht deklarierte Schlauchboote, versteckt zwischen Matratzen, an einem türkisch-bulgarischen Grenzübergang: Der Lkw-Fahrer war auf dem Weg nach Deutschland.
Diese Beschlagnahmungen stellen eine juristische Premiere dar. Bis Dezember 2024 galten Deutschlands wichtigste Gesetze zur Bekämpfung des Menschenhandels nur für Mitgliedstaaten des EU-Freizügigkeitsraums und schlossen damit Großbritannien seit dem Brexit aus. Berlin hat nun eine spezifische Strafbestimmung erlassen, die die Beihilfe zur Einreise von Migranten nach Großbritannien unter Strafe stellt. Das Bundesinnenministerium bestätigte, dass es sich hierbei um die ersten Vollstreckungsmaßnahmen auf Grundlage dieser neuen Gesetzgebung handelt.
Britische Ermittler gehen davon aus, dass kurdische kriminelle Netzwerke einen besonders starken Einfluss auf den Menschenhandel in Westdeutschland ausüben. Laut einem deutschen Beamten operieren die Banden von diesem Gebiet aus, weil viele ihrer Mitglieder dort leben. Die Region bietet einen weiteren logistischen Vorteil: Sie liegt in der Nähe der französischen Nordküste, ohne deren intensiver Überwachung zu unterliegen.
Der auf deutsch-britisches Recht spezialisierte Anwalt Bernhard Schmeilzl räumt ein, dass die neue Bestimmung vorerst „weitgehend unerprobt“ sei. Dennoch ist er überzeugt, dass sie bahnbrechend sein wird: „Sie ermöglicht es der deutschen Polizei nun, gezielt gegen diese Personen vorzugehen. Bei Meldungen über verdächtige Aktivitäten müssen die Beamten ermitteln.“
Das britische Innenministerium betont, dass die Zusammenarbeit mit Ländern wie Deutschland „fruchtbar“ sei. Die Regierung meldet einen Rückgang der Überfahrten um etwa 43 % zwischen dem 1. Januar und dem 8. August dieses Jahres im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2024. Dies führt sie auf Maßnahmen zur Zerschlagung der Lieferketten und verstärktes Personal an den französischen Stränden zurück. Oppositionspolitiker widersprechen dieser Darstellung und führen den Rückgang auf widrige Wetterbedingungen im Ärmelkanal zurück, nicht auf Regierungsmaßnahmen.
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