Bundeskanzler Friedrich Merz deutete in einem Sommerinterview mit dem ZDF eine Kabinettsumbildung an, nachdem er Jens Spahn zum Rücktritt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion aufgefordert hatte. Dieser Schritt erfolgt zwei Monate vor wichtigen Landtagswahlen und vor dem Hintergrund historisch niedriger Zustimmungswerte für den Ministerpräsidenten.
Friedrich Merz wählte seine Worte mit Bedacht, doch die Botschaft war eindeutig. „Dies könnte eine Gelegenheit sein, die Zusammensetzung der Bundesregierung zu überdenken“, sagte der Bundeskanzler im Sommerinterview mit dem ZDF, bevor er klarstellte, dass er „im Konjunktiv“ spreche. Der von ihm selbst geforderte Rücktritt von Jens Spahn öffnet somit möglicherweise die Tür für eine Phase der Umstrukturierung an der Spitze der Bundesregierung.
Thorsten Freis Name kursiert als potenzieller Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion. Der 53-jährige Bundeskanzler, gebürtig aus Baden-Württemberg, gilt als aussichtsreichster Kandidat, obwohl Merz in der Sendung keine Personalentscheidungen bestätigte. Sollte Frei das Kanzleramt verlassen, müsste der Kanzler einen Nachfolger für seinen engen Vertrauten finden. Merz hofft, noch vor Ende Juli eine Entscheidung treffen zu können.
Die Eile erklärt sich durch den politischen Kalender: Im September finden in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen statt – drei Bundesländer, in denen die CDU schlechte Aussichten hat. In Sachsen-Anhalt hofft die AfD, die als rechtsextreme Partei gilt, dass ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund Ministerpräsident wird.
Die Spahn-Affäre löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Nachricht, dass der Abgeordnete und sein Ehemann in den USA durch Leihmutterschaft Väter geworden waren, sorgte für Empörung, insbesondere da Spahn selbst die Leihmutterschaft in seinem Heimatland wiederholt abgelehnt hatte. Linke und Grüne kritisierten ihn dafür, sich nie für eine fortschrittlichere Familienpolitik eingesetzt zu haben. Laut deutschen Medien kostet eine Leihmutterschaft in den USA zwischen 150.000 und 250.000 Euro.
Merz behauptet, er habe das Ausmaß der Empörung nicht vorhergesehen, „zumindest nicht in diesem Ausmaß“. Er führt sie „wahrscheinlich auch auf Spahn selbst und die Kommunikationsstrategie zurück“. Der Kanzler distanziert sich sorgfältig, obwohl beide Männer gemeinsame Wurzeln haben: Sie stammen beide aus Nordrhein-Westfalen, sind konservativ und römisch-katholisch. Spahn, in seinen Vierzigern, gilt seit Langem als innerparteilicher Rivale der CDU, dem Beobachter regelmäßig Ambitionen auf das Kanzleramt unterstellen.
Die beiden Männer werden auch für ihren Lebensstil kritisiert, der als weit entfernt vom Alltag der meisten Deutschen gilt. Merz ist Millionär und fliegt seinen eigenen Privatjet. Spahn verkaufte 2020 eine Villa im Berliner Bezirk Dahlem für mehrere Millionen Euro.
Die Krise kommt für Merz zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Laut einer Umfrage von ARD-DeutschlandTrend sind nur 13 Prozent der Befragten mit seiner Amtsführung zufrieden, fünf von sechs Deutschen äußern Unzufriedenheit. Noch nie hat ein amtierender Bundeskanzler in diesem Barometer so niedrige Zustimmungswerte erzielt. Bereits vor seinem Rücktritt hatte Spahn die CDU zur Normalisierung der Beziehungen zur AfD aufgerufen – eine Position, die Merz kategorisch ablehnt.
Gemeinschaft
Bemerkungen
Die Kommentarfunktion ist geöffnet, aber vor Spam geschützt. Beiträge und Kommentare mit Links werden manuell geprüft.
Sei der Erste, der diesen Artikel kommentiert.