Hinter dem gedämpften Bild eines jahrhundertealten Postbetreibers nimmt ein kontinentales Schachspiel Gestalt an. Mit der Übernahme der Royal Mail unterzeichnet der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky nicht einfach nur eine Finanzrettungsaktion: Er fügt dem europäischen Logistikschachbrett ein weiteres strategisches Stück hinzu. Und angesichts der Tatsache, dass 4,2 Milliarden Euro in ein Unternehmen in der Krise investiert wurden, ist dieser Schritt ebenso gewagt wie kalkuliert.
Royal Mail, ein geschwächtes Symbol, das in einen Machthebel verwandelt wurde
Die vor über 500 Jahren gegründete Royal Mail steckt heute in Schwierigkeiten. Seit seiner Privatisierung im Jahr 2013 hat der traditionsreiche britische Betreiber Mühe, seinen Platz im Paketzeitalter zu finden. Bis 2025 werden die Briten nur noch 7 Millionen Briefe pro Tag verschicken, verglichen mit 20 Millionen vor zwanzig Jahren. Und im Vergleich zu Giganten wie Amazon, DHL und DPD hinkt Royal Mail auf dem Zustellmarkt immer noch hinterher. Kretinsky blickt jedoch über die Krise hinaus: Über sein Unternehmen EP Group kontrolliert er inzwischen 27,5 Prozent der Anteile an International Distribution Services (IDS), der Muttergesellschaft der Royal Mail, zu der auch die paneuropäische Zustellgruppe GLS gehört. Sein Ziel ist klar: Er will IDS zum Logistikzweig seines Industriekonglomerats machen, neben dessen anderen Säulen – Energie und Vertrieb. Die britische Regierung wiederum hat ihre Bedingungen gestellt: Der Hauptsitz der Royal Mail muss auf britischem Boden bleiben. Eine Möglichkeit, den nationalen Aufschrei einzudämmen, denn die Übernahme hat trotz der Schwierigkeiten des Unternehmens auf der anderen Seite des Kanals für einiges Zähneknirschen gesorgt.
Ein Imperium im Spannungsfeld zwischen fossilen Brennstoffen, Medien und industriellen Ambitionen
Denn Daniel Kretinsky ist nicht nur ein Investor. Darüber hinaus ist das Land einer der größten Umweltverschmutzer Europas, dessen Wohlstand noch immer größtenteils auf Kohle und Gas beruht. Seine EPH-Gruppe produziert weiterhin Strom aus fossilen Brennstoffen und kontrollierte bis 2024 einen Teil des russischen Gasflusses nach Europa über die Ukraine. Erst Ende letzten Jahres wurden diese Lieferungen mit der Kündigung eines bilateralen Abkommens eingestellt. Aber der Milliardär gibt sich damit nicht zufrieden. In Frankreich hat er bereits Editis, Elle, Libération und vor Kurzem Casino übernommen. Jetzt hat er Atos im Auge, das Symbol der französischen Digitaltechnologie. Seine Strategie? Ein weitläufiges Imperium, von Energie bis zu Supermärkten, von Logistik bis zu Medien. Und obwohl die Übernahme der Royal Mail wie ein riskantes Finanzmanöver erscheinen mag, ist sie tatsächlich Teil eines Gesamtplans: dem Aufbau einer diskreten, aber gewaltigen funktionsübergreifenden Macht.