Nach über fünfzehn Jahren auf YouTube durchlebt der Kanal Mamytwink eine schwierige Phase. Florian Henn, der das Kollektiv zusammen mit Julien Aubrée und François Calvier leitet, hat eine Spendenkampagne gestartet, um die nächste Staffel historischer Dokumentarfilme zu finanzieren. Ihr erklärtes Ziel ist es, 60.000 € zu sammeln, um zehn neue Videos zu produzieren und die finanzielle Stabilität wiederherzustellen, ohne dabei die redaktionelle Unabhängigkeit zu beeinträchtigen, die den Kanal auszeichnet.
Ein ambitioniertes Modell, das zu fragil geworden ist
In einem Interview mit 20 Minutes erklärt Florian Henn, dass das Problem nicht an mangelnden Zuschauerzahlen liegt, sondern vielmehr an den Produktionskosten der immer komplexeren Formate. Er führt aus, dass eine historische Dokumentation zwischen 15.000 und 30.000 Euro kostet, wobei die Ausgaben hauptsächlich auf das Team entfallen, obwohl der Sender vorwiegend mit Freiberuflern arbeitet. Im Laufe der Zeit stellte der Sender einen Cutter, einen Produktionsleiter und einen Historiker ein, bevor er gezwungen war, seine Aktivitäten einzuschränken.
Die Kluft zwischen Ambition und Rentabilität hat sich mit der Entwicklung von Mamytwink vergrößert. Ursprünglich ab 2009 auf Gaming fokussiert, verlagerte sich der Fokus des Kanals allmählich auf Erkundungstouren und später auf historische Dokumentationen, insbesondere über den Zweiten Weltkrieg. Diese Neuausrichtung stärkte zwar das Image, verlangsamte aber auch das Veröffentlichungstempo: Während YouTube häufige und schnelle Veröffentlichungen belohnt, setzt Mamytwink auf längere, sorgfältig geplante Videos, die auf Langlebigkeit ausgelegt sind.
Eine etablierte Kette, die jedoch durch neue Geschäftspraktiken gestört wird.
Im Gespräch mit „20 Minutes“ räumt Florian Henn ein, dass sich die Sehgewohnheiten drastisch verändert haben. Er weist darauf hin, dass TikTok zum Start seines Kanals noch nicht existierte und sich der Wettbewerb seither innerhalb von YouTube selbst verlagert hat – hin zu längeren und kürzeren Inhalten. Er fasst diese Entwicklung mit einem markanten Satz zusammen: „Wir sind jetzt 35 Jahre alt und betrachten uns schon jetzt als YouTube-Dinosaurier.“ Für ihn ist die Geschichte nach wie vor faszinierend, doch sie muss nun neue Wege finden, insbesondere vertikale Formate, um ein jüngeres Publikum zu erreichen.
Der Spendenaufruf hat gemischte Reaktionen hervorgerufen. Florian Henn erklärte gegenüber 20 Minutes, dass die Unterstützung groß sei und die Kampagne ihrem Ziel nahekomme, es aber auch Kritik und Missverständnisse gegeben habe, insbesondere unter Abonnenten, die den älteren Erkundungsformaten des Kanals verbunden sind. Er räumte zudem ein, dass die Kommunikation bezüglich der Teamstruktur unklar gewesen sei und einige fälschlicherweise angenommen hätten, dass zehn Mitarbeiter Vollzeit für den Kanal arbeiteten. Diese Situation verdeutlicht jedenfalls ein grundsätzliches Problem: Auf YouTube reicht Bekanntheit allein nicht immer aus, um ein stabiles Geschäftsmodell zu gewährleisten, insbesondere wenn Inhalte Zeit, Recherche und sorgfältige Produktion erfordern.
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