„Vom Rockstar zum Killer“: Netflix rollt den Fall Cantat neu auf
Marie Trintignant

Mehr als zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen greift Netflix eines der aufsehenerregendsten Dramen der 2000er Jahre erneut auf. In „Vom Rockstar zum Killer: Der Fall Cantat“ werden in drei Episoden die Umstände des Todes von Marie Trintignant, die 2003 in Vilnius von Bertrand Cantat erschossen wurde, sowie die Medienberichterstattung über den Fall und die Entwicklung der Gesellschaft angesichts der Gewalt gegen Frauen nachgezeichnet.

Ein lange verharmloster Femizid

Damals war in der Presse noch von einer „Tat aus Leidenschaft“ die Rede. Das Wort „Femizid“ kommt in der öffentlichen Debatte nicht vor und die Medienberichterstattung tendiert dazu, die Schwere der Tatsachen abzuschwächen. Die Serie greift diese einseitige Behandlung wieder auf, und das in einem Klima, in dem die Figur von Cantat, der Ikone des französischen Rock, erhebliche Unterstützung genießt. Der Dokumentarfilm zeigt, wie die Kommunikation des Cantat-Clans, unterstützt von einflussreichen Persönlichkeiten der Musikindustrie wie Pascal Nègre, die Wahrnehmung der Affäre belastete.

Auf der anderen Seite kämpfen die Verwandten von Marie Trintignant, die damals vom Schock fassungslos waren, darum, dass ihre Version Gehör findet. Heute kommen sie in der Serie zu Wort, wie etwa der Sänger Lio oder der Musiker Richard Kolinka, und erzählen von der Gewalt, der Ungerechtigkeit und dem Schweigen, in dem sie sich befanden. Ihre Aussagen stellen einen starken Kontrapunkt zu den damaligen Reden dar und geben dem Opfer und seinem Umfeld eine Stimme.

Ein zeitgenössischer Blick auf häusliche Gewalt

Über die Geschichte des Dramas hinaus hinterfragt die Serie die Entwicklung unserer kollektiven Sichtweise. Der von der Journalistin Anne-Sophie Jahn koproduzierte Band beleuchtet die Fortschritte, die in den letzten 20 Jahren im Bereich der häuslichen Gewalt erzielt wurden. Sie erinnert daran, dass dieser Fall einen Wendepunkt im Bewusstsein der Öffentlichkeit in Frankreich markierte, und betont, wie wichtig die Worte seien, mit denen der Sachverhalt beschrieben wird. Der Begriff „Femizid“, der heute im Mittelpunkt feministischer Kämpfe steht, korrigiert eine Ära, in der Gewalt gegen Frauen noch immer zu oft trivialisiert wurde.