Am 19. Mai 1536 wurde Anne Boleyn, Königin von England, auf Befehl ihres Mannes, König Heinrich VIII., im Tower von London enthauptet. Drei Jahre zuvor hatte der Monarch das christliche Europa zutiefst erschüttert, indem er sie heiratete, mit Rom brach und die anglikanische Kirche gründete. Doch nach mehreren Fehlgeburten und dem Ausbleiben eines männlichen Thronfolgers stürzte die Favoritin, die Königin geworden war, abrupt in Ungnade. Nach einem Schnellverfahren wurde sie wegen Ehebruchs, Inzest und Hochverrats angeklagt und trotz dürftiger Beweise zum Tode verurteilt. Ihr Tod zählt zu den dramatischsten Ereignissen der Tudor-Dynastie.
Eine Leidenschaft, die England erschüttert
Anne Boleyn, geboren in eine ehrgeizige englische Adelsfamilie, genoss eine exquisite Ausbildung in den Niederlanden und anschließend am französischen Hof. Elegant, kultiviert und geistreich, eroberte sie nach ihrer Rückkehr rasch die Herzen des englischen Hofes. Um 1525 verliebte sich Heinrich VIII. in sie, obwohl er bereits seit fast zwanzig Jahren mit Katharina von Aragon verheiratet war. Der König, der sich verzweifelt einen überlebenden Sohn wünschte, strebte die Annullierung seiner Ehe an.
Angesichts der Weigerung des Papstes leitete Heinrich VIII. einen beispiellosen Bruch mit der katholischen Kirche ein. 1534 erhob die Suprematsakte den König zum Oberhaupt der Kirche von England. Anne heiratete schließlich den Monarchen und wurde Königin. Wenige Monate später wurde ihre Tochter, die spätere Elisabeth I., geboren. Doch das Fehlen eines männlichen Erben schwächte Annes Position rasch, während sich ihre Feinde am Hof vermehrten.
Ein politischer Prozess
Im Frühjahr 1536 inszenierte der oberste Berater des Königs, Thomas Cromwell, den Sturz der Königin. Mehrere Höflinge sowie Annes eigener Bruder, George Boleyn, wurden verhaftet und beschuldigt, Affären mit ihr gehabt zu haben. Unter Folter gestand der Musiker Mark Smeaton; die anderen Angeklagten leugneten vehement alles. Anne wurde am 2. Mai 1536 im Tower von London inhaftiert und anschließend wegen Ehebruchs, Inzest und Verschwörung gegen den König angeklagt.
Das Urteil war von vornherein klar. Trotz einer energischen Verteidigung wurde Anne für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Heinrich VIII. entschied sich für eine Hinrichtung nach französischem Vorbild, mit dem Schwert statt mit der Axt, da dies als schneller und würdevoller galt. Am Morgen des 19. Mai bestieg Anne Boleyn, in ein dunkles Kleid und einen roten Mantel gehüllt, ruhig das Schafott und beteuerte bis zuletzt ihre Unschuld, bevor sie mit einem einzigen Schwerthieb enthauptet wurde.
Die Geburt einer Legende
Wenige Tage nach der Hinrichtung heiratete Heinrich VIII. Jane Seymour, die ihm schließlich einen Sohn schenkte. Doch es war Anne Boleyns Tochter Elisabeth, die Englands dauerhafte Größe sichern sollte. Als Elisabeth I. bestieg sie 1558 den Thron, etablierte den Anglikanismus endgültig, baute die Seemacht des Königreichs aus und leitete England in ein goldenes Zeitalter der Politik und Kultur ein.
Lange Zeit wurde Anne Boleyn als ehrgeizige Intrigantin oder manipulative Verführerin dargestellt, heute gilt sie eher als Opfer der Machtkämpfe am Tudor-Hof. Ihr tragisches Schicksal inspirierte unzählige Romane, Theaterstücke und Filme und machte sie zu einer der berühmtesten und faszinierendsten Persönlichkeiten der englischen Geschichte.
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