Mit „Madame Bovary“, das im Théâtre de la Ville in Paris aufgeführt wurde, liefert der Filmemacher, Autor und Regisseur Christophe Honoré mehr als nur eine einfache Adaption von „Madame Bovary“. Er verändert Gustave Flauberts Roman, durchbricht dessen Chronologie und gibt Emma vor allem eine Form der Selbstbestimmung zurück. Anstatt sie von Anfang an als dem Untergang geweihte Frau darzustellen, rückt er sie ins Zentrum der Erzählung – lebendig, voller Sehnsucht und voller Widersprüche. Die Inszenierung, voller Leben und Kühnheit, begleitet sie durch eine Welt aus Zirkus, Musik und kontrolliertem Chaos, um die soziale Gewalt und die Sehnsucht nach Freiheit, die ihrer Geschichte innewohnen, eindringlicher zu vermitteln.
Ein theatralisches Spektakel, um Emma wieder eine Stimme zu geben.
Christophe Honoré verlegt seine Inszenierung gleich zu Beginn an einen unerwarteten Ort: kein bürgerliches Wohnzimmer oder eine naturalistische normannische Landschaft, sondern eine mit Erde bedeckte Zirkusarena, umgeben von Tribünen, Gängen, einem Klavier und einer Leinwand. Diese Szenografie verwandelt Emmas Geschichte in einen Drahtseilakt, eine Mischung aus Exhibitionismus, Schwindel und der ständigen Neuerfindung der Erzählung. Von den ersten Minuten an stürmt die Truppe in einem donnernden Chaos auf die Bühne, als wolle sie verkünden, dass dieser Bovary weder zurückhaltend noch statisch sein wird.
Die wichtigste Entscheidung liegt hier: Emma stirbt nicht sofort, sondern kehrt zurück, um ihre Geschichte zu erzählen. Christophe Honoré rückt sie im Stück wieder vollständig in den Mittelpunkt und lässt sie aus ihren Erinnerungen sprechen, so nah wie möglich an ihren Wünschen. In einem Interview mit franceinfo Culture erinnert sich der Regisseur, dass Flaubert sie zu „einer geheimnisvollen, schwer fassbaren Figur gemacht hat, auf die jeder projizieren kann, was er will“. Er lässt sie anders wiedererscheinen, nicht um sie zu entschuldigen, sondern um sie aus ihrer eigenen Perspektive zu verstehen.
Ludivine Sagnier, das pulsierende Herzstück eines kontrastreichen Spektakels
In dieser sorgfältig inszenierten Produktion trägt Ludivine Sagnier die Aufführung mit bemerkenswerter Intensität. Sie durchstreift Emmas verschiedene Seinszustände, ohne sie auf Opfer oder Monster zu reduzieren. Mal junge Braut, mal ekstatische Liebende, mal gedemütigte Frau, mal Sängerin, mal Akrobatin, mal beinahe mechanische Gestalt – sie verleiht ihr eine Tiefe, die ebenso sehr aus Zerbrechlichkeit wie aus Stärke entspringt. In einem Statement gegenüber franceinfo fasst die Schauspielerin diese Interpretation treffend zusammen: Sie sieht Emma lieber als „eine Frau, die in ihrer sozialen Stellung gefangen ist“ und die tief im Inneren von „Emanzipation“ träumt.
Um sie herum hat Christophe Honoré eine Truppe versammelt, die auf mehreren Ebenen gleichzeitig agiert. Marlène Saldana, als ausgelassene Zirkusdirektorin, treibt die Aufführung in Richtung einer fast aggressiven Burleske. Jean-Charles Clichet hingegen bringt in der Rolle des Charles Bovary eine unerwartete Sanftmut ein, die die Figur davor bewahrt, bloß lächerlich zu wirken. Und genau darin liegt eine der Stärken des Stücks: Die männlichen Figuren erscheinen oft feige, widersprüchlich oder egoistisch, aber nie rein mechanisch. Der Blick ist hart, manchmal wild, ohne dabei an Nuancen einzubüßen.
Ein übertriebenes Spektakel, aber mit echter Kohärenz.
Das Beeindruckende an „Madame Bovary“ ist Christophe Honorés Fähigkeit, scheinbar widersprüchliche Töne miteinander zu verschmelzen: Kitsch, Melancholie, Farce, Romantik, Literatur und Pop. Der Soundtrack wechselt zwischen Sylvie Vartan, Led Zeppelin und Justin Timberlake; Flauberts lange, fließende Sätze stehen neben rohen, instinktiven Ausbrüchen; psychedelische Filmbilder reagieren auf eine düstere und erdrückende Provinzatmosphäre. All das hätte leicht zu einer bloßen Collage verkommen können, doch der Regisseur behält seinen Fokus: Er zeigt Emma als eine Frau der Exzesse, der übermäßigen Sehnsucht, der überzogenen Erwartungen und der tiefen Einsamkeit.
Das Stück enthüllt zwar nicht unbedingt etwas radikal Neues über Madame Bovary, aber es interpretiert sie auf intelligente Weise neu. Es befreit sie aus ihrem akademischen Grab und schenkt ihr ein neues Leben. In diesem Sinne ist das Stück weniger eine Adaption als vielmehr eine Wiederaneignung des Werkes. Christophe Honoré fordert nicht Emmas Absolution; er fordert, dass man ihr endlich zuhört. Und genau das macht diese Madame Bovary so lebendig, so verstörend und mitunter so schön.
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