Am 10. Mai 1920 markierte die erste Wahl zur „schönsten Frau Frankreichs“ die Geburtsstunde eines Wettbewerbs, der zu einem wahren kulturellen Phänomen werden sollte.
Eine neue Idee für ein Frankreich im Wiederaufbau
Am 10. Mai 1920, wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, veranstaltete Frankreich zum ersten Mal einen nationalen Schönheitswettbewerb. Auf Initiative des Journalisten Maurice de Waleffe und der Tageszeitung Le Journal hieß der Wettbewerb damals „Die schönste Frau Frankreichs“. Das erklärte Ziel: die Schönheit des Landes zu feiern und in einem Land, das noch immer vom Konflikt traumatisiert ist, für Unterhaltung zu sorgen. Die Idee besteht laut Waleffe auch darin, durch die kollektive Entscheidung der Öffentlichkeit „den instinktiven Typ einer Nation“ zu offenbaren.
2063 junge Frauen präsentieren sich, jede unter einem poetischen Pseudonym: dem Namen einer Blume, eines Steins, eines Vogels oder einer Göttin. Nach mehreren Ausscheidungsrunden werden 49 Kandidaten ausgewählt und anschließend in einer öffentlichen Abstimmung in den Kinos bewertet. Am Eingang des Raumes erhält jeder Zuschauer eine Postkarte mit Fotos der Kandidaten der Woche. Er notiert seine Wünsche, unterschreibt und schickt seine Karte ab. Das von Gerichtsvollziehern kontrollierte Wahlrecht erfreute sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit.
Agnès Souret, erste Schönheitskönigin
Mit 114 von fast 994 abgegebenen Stimmen wurde die 235-jährige Agnès Souret aus Espelette in den Basses-Pyrénées die erste Gewinnerin. Als Tochter eines Bretonen und einer Baskin verkörpert sie mit ihren braunen Augen und hellbraunen Haaren eine sanfte und natürliche Schönheit. Sie erhält 000 Francs, ein künstlerisches Porträt und eine Schachtel Parfüms.
Ihr Sieg löste Begeisterung aus: Le Figaro lobte ihre Einfachheit, ihre Freundlichkeit und ihren Mangel an Stolz trotz ihrer großen Schönheit. Doch ihr Schicksal war kurz: 1928 starb sie im Alter von 26 Jahren an einer Bauchfellentzündung. Ihr früher Tod weckt Emotionen: „Nein, sie wurde nicht für Paris geboren. Sie ist direkt in den Himmel zurückgekehrt“, schrieb ein emotionaler Journalist.
Der Wettbewerb wurde nach 1920 eingestellt und 1927 unter dem Namen Miss France wieder aufgenommen. Seitdem begleitet es die Sozialgeschichte des Landes und ist ein Spiegel der Moralvorstellungen, Spannungen und wechselnden Schönheitsideale. Doch alles beginnt mit Agnès Souret, der kurzlebigen, aber unvergesslichen Miss 1920.