Zehn Jahre Arbeit waren nötig, um dieses historische Ergebnis zu erzielen. Die digitale Plattform Leonardo Thek@, die vom Museo Galileo in Florenz in Zusammenarbeit mit der Biblioteca Leonardiana di Vinci, dem Royal Collection Trust in England und der Veneranda Biblioteca Ambrosiana in Mailand ins Leben gerufen wurde, vereint erstmals die beiden Hauptsammlungen von Leonardo da Vincis Handschriften. Rund 3.500 Seiten sind nun online und kostenlos verfügbar, darunter die 1.200 Folios des berühmten Codex Atlanticus und die 550 aus der Royal Collection in Windsor. Erstmals seit dem Tod des toskanischen Meisters im Jahr 1519 sind diese Dokumente, die seit dem 16. Jahrhundert über ganz Europa verstreut waren, wieder an einem Ort zusammengeführt. Das Projekt wurde unter anderem vom italienischen Kulturministerium und dem Ministerium für Hochschulbildung finanziert.
Pompeo Leoni, der Bildhauer, der Leonardos Erbe zerstückelte
Nach Leonardos Tod gingen seine Manuskripte an seinen Schüler Francesco Melzi über, bevor sie Ende des 16. Jahrhunderts in die Hände des Bildhauers Pompeo Leoni gelangten. Leoni zerschnitt und ordnete viele Seiten in thematischen Alben neu an und trennte sogar die Zeichnungen von den zugehörigen Texten. Historiker halten diesen Eingriff laut „The Independent“ für „katastrophal“, da er zu einem unermesslichen Verlust an Kontext und ursprünglicher Ordnung führte. Das Team des Museo Galileo hat ein digitales Werkzeug entwickelt, mit dem sich die Abmessungen der Seiten, ihre Zusammensetzung, ihre Wasserzeichen und andere materielle Merkmale vergleichen lassen, um sie wieder zusammenzusetzen. So konnten bereits 50 Seiten rekonstruiert werden, deren Fragmente zwischen Italien und Großbritannien verstreut waren. Darunter befindet sich auch eine Seite, die eine Pferdezeichnung aus dem Codex Atlanticus mit dem dazugehörigen Text in Windsor wiedervereint. Andere Seiten bergen neue Entdeckungen: Auf der Rückseite einer Skizze einer Nadelmaschine wurden zwei ineinander verschlungene Drachen entdeckt.
Ein Werkzeug, um Leonardos „Denkprozesse“ nachzuvollziehen
Über die physische Rekonstruktion hinaus bietet diese Plattform Forschern einen beispiellosen Einblick in Leonardos intellektuelle Arbeitsweise. Durch die Zusammenführung wissenschaftlicher Aufzeichnungen, anatomischer Studien, künstlerischer Reflexionen und technischer Pläne – darunter seine berühmte Flugmaschine – ermöglicht sie es uns, die Verbindungen zu verstehen, die der Erfinder zwischen verschiedenen Disziplinen herstellte. „Wir können seine Denkprozesse nachvollziehen und sehen, wie er seine Papierbögen nutzte“, betont der Kunsthistoriker Matthew Landrus, Leonardo-Spezialist an der Universität Oxford. „Leonardotheka 2.0 bietet Forschern weltweit beispiellose Möglichkeiten, den unschätzbaren Informationsreichtum in Leonardo da Vincis Manuskripten zu erkunden“, so Paolo Galluzzi, der Entwickler der Plattform, gegenüber The Independent.
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